Sie lachte ein wenig befangen. »Ich bin durchgegangen.«

»Ja, aber ...«

»Ich erzähle Dir alles, laß mich nur ins Zimmer, mich etwas erwärmen.«

»Komm', aber ich bin nicht allein.«

Sie folgte ihm. Das Zimmer war in einen blauen Rauchnebel gehüllt; am Schreibtisch saß ein älterer Mann mit leicht ergrautem Haar und schrieb, auf dem Sofa lümmelte ein jüngerer Mensch.

»Wir haben Besuch bekommen,« verkündete Anatol, »eine von daheim durchgegangene junge Dame. Kerner, das ist Selders Schwester, von der wir Dir schon öfter erzählt haben. Savin, mach' Platz, sie ist müde von der Reise.«

Der ältere Mann reichte Lene ohne aufzusehen die Hand, und der junge Russe schnellte eilig vom Sofa auf. »Wir kennen Sie schon ganz gut, Fräulein, Johannes hat oft von Ihnen gesprochen. Wie kalt Ihre Hände sind! Gib den Schnellsieder her, Anatol, wir müssen ihr Tee kochen.«

Etwas verwirrt sah sich Lene in der Stube um; auf dem ungemachten Bett türmten sich Zeitungen, Bücher bedeckten den einzigen Tisch, Zigarettenstummel und Asche lagen am Boden. Sie blickte verstohlen nach den Insassen des Zimmers. Anatol hatte sich ein wenig verändert, sein Gesicht war etwas härter, energischer geworden, die Augenlider und Ränder waren leicht gerötet, als ob er zu wenig schlafe. Der Mann am Schreibtisch mußte ein Deutscher sein, ein gutmütiges, verwittertes Gesicht mit unzähligen Runzeln und Falten; ein scharfer Zug um den Mund verlieh ihm einen Ausdruck tiefer Traurigkeit, der im Widerspruch mit den frohen blauen Augen stand, die sich eben vom Papier hoben und Lene freundlich zulächelten. Savin stand am Waschtisch, spülte ein Glas aus, machte sich mit der henkellosen Teekanne zu schaffen; seine Bewegungen waren leicht und geschickt, wie die einer Frau. Savin, der Name deuchte Lene bekannt. War das nicht der junge Russe, der aus dem Moskauer Gefängnis entflohen war, über den ihr Johannes geschrieben hatte?

Anatol warf etliche Zeitungen auf den Fußboden, um Platz zu machen, und setzte sich aufs Bett. »Was willst Du denn eigentlich hier machen, Lene?«

»Ich weiß noch nicht,« gestand sie etwas verlegen, »hoffe Gustav überreden zu können, daß er mich bei sich behält.«