Anatol lachte. »Gustav! Das einfachste ist, Du gehst zu ihm, richtest Dich dort häuslich ein, er hat ohnehin zwei Zimmer, der Kapitalist, redest erst nicht lange. Nach drei Wochen wird er vielleicht bemerken, daß Du da bist. Dann kannst Du ihm einreden, Du wärest schon immer dagewesen, er hätte es bloß vergessen gehabt.«
»Ist er so beschäftigt?«
»Beschäftigt! Sag' lieber verrückt. Den ganzen Tag hockt er im Laboratorium und abends sitzt er bei seinen Büchern bis spät in die Nacht hinein. Wir waren unlängst bei ihm, Johannes und ich, er war sehr freundlich, freute sich ungemein, uns zu sehen; nach fünf Minuten aber sagte er: »Geht Ihr nicht bald fort, liebe Kinder? Ich habe zu arbeiten.«
Savin reichte Lene ein Glas Tee. »Sie müssen müde sein. Fräulein, nehmen Sie doch Ihren Hut ab. Anatol, wirf ein Kissen her, sie sitzt unbequem.« Er stopfte ihr das Kissen in den Rücken, breitete eine Decke über ihre kalten Füße, zündete ihr eine Zigarette an. Und wieder dachte Lene, er ist wie eine Frau so besorgt und gütig; ich hatte mir russische Revolutionäre ganz anders vorgestellt.
Inzwischen war Anatol an den Schreibtisch getreten und besprach sich halblaut mit Kerner.
Lene kam sich einsam und verloren vor; heimliche Sehnsucht nach dem verhaßten Elternhaus überkam sie. Was wollte sie hier unter diesen fremden Leuten? Sie fühlte zu ihrem großen Ärger, daß ihr Tränen in die Augen stiegen, unterdrücktes Schluchzen preßte ihr die Kehle zusammen.
Savin schien ihre Stimmung zu erraten; er schob die Teekanne vorsichtig fort und setzte sich auf die Tischkante. »Es kommt Ihnen merkwürdig vor, nicht wahr? Ein wenig fremd und unheimlich? Sie dürfen nicht traurig sein, Fräulein, in einer Woche werden Sie sich hier schon zu Hause fühlen. Johannes wird sich freuen, Sie zu sehen. Ich glaube, er hatte immer Heimweh nach Ihnen.«
Die weiche slawische Stimme tat ihr wohl; sie fühlte ihren Mut zurückkehren.
»Wir werden auch bald Arbeit für Sie finden,« fuhr der junge Russe fort, »Sie gehören doch zu uns?«
»Freilich! Nur ... ich bin so unerfahren ... Weiß gar nicht ...«