Er lächelte. »Wir werden Sie einmal in die Arbeiterviertel führen, Fräulein. Wenn Sie erst die Kinder gesehen haben: rachitisch, verkümmert, mit blassen alten Gesichtern, verschreckten hungrigen Augen, und die Frauen, die gar keine Frauen mehr sind, sondern Lasttiere, ausgearbeitete Maschinen, dann werden Sie schon wissen, um was es sich handelt.«
Er hatte ganz leise gesprochen, um Anatol und Kerner nicht zu stören, aber ein eisiger Zorn tönte aus seiner Stimme, eine mühsam beherrschte Wut; die grauen Augen blitzten.
»Ich möchte ja so gerne helfen,« sagte sie schüchtern.
»Sie werden auch helfen. Bisher kennen Sie alles nur aus Büchern; wenn Sie aber das Elend wirklich sehen werden, und daneben den Reichtum, die eleganten Straßen, die Müßiggänger, und wissen werden, für jeden dieser Gecken, jede dieser vornehmen Damen verbluten Hunderte ihr Leben, werden jeder Glücksmöglichkeit beraubt, jedes Menschenrechtes, dann werden Sie auch nicht mehr bedauern, Ihr behagliches Heim aufgegeben zu haben.«
Lene lächelte unwillkürlich. »Gar so schön war es nicht,« meinte sie ehrlich. »Nun hängt für mich alles von meinem Bruder ab.«
»Ihr Bruder ist ein merkwürdiger Mensch,« entgegnete Savin. »Vollkommen weltfremd. Er weiß gar nicht, was um ihn herum geschieht. Trotzdem kann ich ihn gut leiden, er hat ein ausgesprochenes Gerechtigkeitsgefühl. Neulich wurde in einer Fabrik ein Arbeiter höchst ungerechterweise entlassen. Ein Mann, der sechs Kinder zu versorgen hat. Ihr Bruder, der wegen einer kleinen Erfindung, die er gemacht hat, mit dem Fabrikanten in Unterhandlungen stand, erfuhr von dem Fall, und brach die Unterhandlungen ab, erklärend, er wolle mit solchen Schweinen nichts zu tun haben.«
»Gustav?« rief Lene freudig erstaunt.
»Ja, aber seine Begründung war charakteristisch: ein solcher Mensch schändet die Wissenschaft und darf daher aus ihr keinen Nutzen ziehen.«
Beide lachten. Savin schenkte ihr noch ein Glas Tee ein. »Ist Ihnen jetzt wärmer?« Sie nickte. »Auch in der Seele?« »Ja, woher wußten Sie, wie mir zumute war?«
Er wurde ernst. »Auch ich stamme aus dem verdammten Bourgeoismilieu und weiß, wie viel wir abzustreifen haben; das gesicherte, ruhige Leben hängt wie Kletten an uns, behindert jede Bewegung. Und wir können uns nicht mit einem Ruck freimachen, müssen tagtäglich von neuem dagegen ankämpfen. Bisweilen beneide ich Menschen wie Kerner.«