»Gnädige Frau,« der junge blonde Mann dämpfte die Stimme und lächelte liebenswürdig, »der historische Materialismus ...«

»Bitte, lassen Sie mich mit Ihrer Theorie in Ruhe, Philipp, Sie wissen, ich verstehe nichts davon, begreife nur, was meine alten Augen in siebenundsechzig langen Jahren gesehen haben. Und was ich sah – es war weiß Gott nichts Schönes –, hat mich gelehrt, die Gerechtigkeit müsse mit allen Mitteln erzwungen werden. Geht es nicht anders, sogar mit Gewalt.«

»Gewalt ist das Übel,« tönte vom Ofen her eine tiefe singende Stimme, »Gewalt ist böse. Lasset den Geist der Liebe eindringen in alle Herzen, dann wird das Reich des Herrn kommen über Nacht.«

»Unser Prophet,« flüsterte Savin Lene zu, »ein russischer Rabbiner. Bei einem Pogrom wurden vor seinen Augen seine Frau und seine beiden Kinder erschlagen. Seitdem ist er ein wenig wirr im Kopfe.«

»Wer ist der Blonde?« fragte Lene.

»Ein guter Kerl, aber ein großer Dummkopf. Der typische deutsche Revisionist. Ein Mensch, der imstande ist, alles herzugeben, und nicht weiter denken kann als bis zum morgigen Tag. Überhaupt, die deutschen Genossen ...!«

»Sei nicht ungerecht, Savin,« Boris Isralew wandte sich dem Kameraden zu, »sie haben gute Arbeit geleistet.«

»Aber der Schwung fehlt ihnen, das heilige Feuer, die Vision. Sie kleben an der Erde. Sozialismus ist nicht nur Lohnfrage, philosophische Theorie. Sozialismus ist in erster Linie Religion! Die Deutschen sind zufrieden, wenn sie die Wunden der Menschheit mit Pflastern verkleben können, hier ein Gesetzlein, dort ein Gesetzlein. Aber das strömende Blut stößt die Pflaster ab, und der Organismus verblutet. Es ist ein Unglück für die Welt, daß ausgerechnet die Deutschen in der ›Internationale‹ die führende Rolle spielen.«

»Patriot!« lachte der Kranke. »Sollen die Russen sie übernehmen?«

»Nicht unbedingt, vielleicht die Italiener!«