»Glaubst Du?«
»Ich bin davon überzeugt!«
Sie waren vor Lenes Wohnung angelangt.
»Kommst Du noch mit hinauf?«
»Nein, es ist zu spät, gute Nacht.«
Lene trat in des Bruders Zimmer. »Gustav, auf dem Balkan ist der Krieg ausgebrochen!«
Er blickte nicht einmal auf. »So, das ist doch kein Grund, um mich zu stören. Was geht mich der Balkankrieg an?«
Lene konnte lange nicht einschlafen. Als sie dann doch endlich in unruhigen Schlummer verfiel, quälte sie ein böser Traum. Sie sah den alten Abraham Löw auf einem hohen Berge stehen und wehklagend auf die Ebene deuten. Ein gewaltiges Feuermeer wälzte sich zischend, lodernd vorwärts, seine Wogen überfluteten Dörfer und Städte, züngelnde Flammen griffen nach den Himmeln. Sie erwachte mit klopfendem Herzen; unbestimmte Angst preßte ihr die Brust zusammen. Halb noch im Schlaf murmelte sie wie eine tröstliche Zauberformel vor sich hin: »Bei uns ist das ausgeschlossen. Der Weltstreik ...«
Vierzehntes Kapitel.
Der Zug pustete durch die graue Vorfrühlingslandschaft. Märzsturm griff mit wuchtigen Händen nach den Rauchwolken und zerriß sie in dünne Streifen, die er über den blaßblauen Himmel jagte. Der große Fluß, endlich von seinen Eisketten befreit, war in unbändigem Freiheitsdrang über die Ufer getreten, überschwemmte die Ebene, die, farblos in die Fluten übergehend, einem einzigen ungeheueren Meer glich. Mürrische Kiefern streckten sich verschlafen, warfen die winterlichen Nadeln ab, schlanke Birken, noch unbelaubt und dennoch frühlingsduftig und frisch in ihren weißen Gewändern, reckten sich der liebkosenden blassen Sonne entgegen. Am Horizont durchschnitt in scharfer Zickzacklinie ein Schwarm Wildenten die Luft.