Lene beugte sich weit aus dem Kupeefenster; seltsam wehmütige Freude erfüllte sie ganz. Wie schön war doch die Heimat, von einer trostlosen, bitteren Schönheit, die sich einem mehr ins Herz stahl, als gesegnetere, süden-begnadete Gegenden. Auch ein wenig bang war ihr zumute; nach anderthalb Jahren fuhr sie zum erstenmal heim. Die Mutter war mit Ilse, die im Winter krank gewesen, in den Süden gereist, und Lene sollte sie daheim ersetzen. Sie verließ ungern Berlin, doch fühlte sie, auch ihr würde eine kurze Rast wohltun; Johannes und seine Freunde hatte ihre Arbeitskraft redlich ausgenützt; jede Stunde des Tages hatte eine Beschäftigung mit sich gebracht. Savin war über ihre Abreise empört gewesen; hatte prophezeit, sie werde sich vom trägen Bourgeoisleben einfangen lassen, womöglich heiraten, zumindest verändert, unbrauchbar wiederkommen.
Lene lächelte, als ihr dies einfiel. Das letzte Jahr hatte sich mit seinen Erlebnissen und Bildern in ihre Seele eingebrannt. Träumerisch versuchte sie die stärksten Eindrücke zurückzurufen; Bilder, Stimmungen kehrten wieder, so lebendig, daß sie völlig vergaß, wo sie sich befand.
Der erste Mai in Berlin; strahlender Sonnenschein, ein tiefblauer Himmel. »Kaiserwetter«, sagte ein behäbiger Bürger zu seiner Frau, vergessend, daß dieser Tag einem anderen Herrscher geweiht war, dem enterbten, einzig berechtigten Herrscher der Welt, dem Volke, das sich alljährlich einmal seiner Herrscherwürde bewußt wird. Die Linden entlang kam der Zug, endlos, unübersehbar, Kopf an Kopf. Organisation folgte auf Organisation, die Hände, deren Arbeit die Welt schafft und erhält, ruhten; nicht wie sie am Sonntag ruhen, gedankenlos, trägmüde; nein, mit einer gewissen Würde und Kraft, mit dem Bewußtsein ihrer Macht ruhten sie an diesem, ihrem eigenen Feiertag. Lene entsann sich einer Gruppe, die sie besonders ergriffen hatte – die der »Scheuerfrauen«. »Frauen«, das Wort klang wie Hohn auf diese Geschöpfe angewandt. Unförmige, gebeugte, vom Rheumatismus verkrümmte Wesen, erschöpfte bleiche Gesichter, aufgequollene Leiber schleppten sich mit schweren Schritten dahin, rotblaue, gesprungene Hände hingen matt herab. Und dennoch, auch in diesen müden Augen lag ein Feiertagsglanz, leuchtete Machtbewußtsein; heute waren sie nicht einzelne, überarbeitete, unterernährte Arbeitstiere, heute hatten sie ihren Platz gefunden, waren ein Teil der gewaltigen Masse geworden, deren Forderungen und Hoffnungen zum lenzlichen Himmel aufgeschrien. Organisation um Organisation, Menschen um Menschen, alle von einem Gefühl beseelt, von einem Gedanken getragen. Und an der Spitze des Zuges wehend im Wind das Symbol des Martyriums, das Symbol der Hoffnung, der großen Vereinigung – die rote Fahne.
Das Symbol des Martyriums! Ein Winterabend kam Lene in den Sinn, den sie mit Johannes und Anatol bei Boris Isralew verbracht hatte. Sie waren in der Dämmerung rauchend um den kleinen Ofen gesessen und Boris, der sich wohler fühlte als gewöhnlich, hatte von der russischen Arbeiterbewegung, von ihren Führern und Helden gesprochen.
»Erzähle Lene von Deinem Leben im Gefängnis, das macht dieser unerfahrenen Seele einen ungeheuren Eindruck,« sagte Johannes.
»Ich war ja nur vier Jahre in der Schlüsselburg,« meinte Boris ausweichend.
»Nur vier Jahre!« rief Lene.
»Wissen Sie denn nicht, daß viele unserer Kameraden zwanzig und vierundzwanzig Jahre gefangen waren?« Und nun erzählte er. Vor ihren Augen ragte die trostlose Festung auf der öden Nevainsel auf, von schwerem Nebel eingehüllt, ein Ort des Grauens, des Wahnsinns und des Todes. Aber auch ein geheiligter Ort. Hinter diesen undurchdringlichen Mauern, in Einzelzellen, führten die Besten des russischen Landes ein gefoltertes Leben. Etliche zerbrach die Schwere des Schicksals, die ewige Einsamkeit verwirrte ihren Geist, andere starben freiwillig, um ihren Gefährten zu helfen, auf schauerliche Art. Die meisten jedoch bewahrten sich Kraft und Mut, auch wenn ihre Körper zugrunde gingen. »Die frommen Katholiken des Mittelalters,« meinte Boris, »glaubten, die Heiligkeit der Klöster entsühne die sündige Welt, und die Gebete der Mönche und Nonnen verdichteten sich zu einem Schleier, der schützend zwischen Gottes Zorn und den Menschen schwebte. Was im Mittelalter die Klöster gewesen sind, das waren für Rußland die Gefängnisse. Diese Orte der Qual und des stummen Heldentums entsühnten das Land und bewahrten die Idee vor dem Tode. An der unendlichen Liebe, an der heißen Freiheitsglut unserer Märtyrer entzündeten sich Hunderte von jungen Kämpfern. Jeder Gefangene war eine heimliche Fackel, die die Nacht erhellte und den Weg zur Zukunft wies.«
»Deshalb wird auch Rußland, das Land der höchsten Leiden, das Reich der Zukunft sein, aus dem Licht in alle Länder der Erde dringen wird,« bemerkte Johannes leise.
»Ex oriente lux,« sagte Anatol. »Einmal ist dort das Licht schon aufgeflammt, doch gelang es den Feinden, es zu verlöschen. Lodert es abermals empor, dann wird es so gewaltig sein, daß es alle Länder überschwemmen und die Nacht endgültig vertreiben wird.«