Der Gymnasialprofessor war selbst auf den Bahnhof gekommen, um seine Tochter abzuholen. Er deuchte Lene gealtert, verdrossener denn sonst, obschon er anscheinend über das Wiedersehen erfreut war. Im ersten Augenblick waren beide befangen, standen einander fremd gegenüber. Eine junge Frau stieg aus dem anstoßenden Kupee, Herr Selder grüßte ehrerbietig, half ihr die Tasche aus dem Abteil nehmen und war über die Ablenkung sichtlich froh.

Gemächlich schritten Vater und Tochter durch die Straßen, Herr Selder fragte nach Gustav, erzählte von Ilse und der Mutter. Lene antwortete schier mechanisch. Staunend betrachtete sie die Gebäude, wie klein und eng doch alles war. Ihr schien, als sei die ganze Stadt zusammengeschrumpft.

»Wer war die schöne Frau, die Du auf dem Bahnhof gegrüßt hast?« fragte sie, als eine kleine Verlegenheitspause entstand.

»Die junge Gräfin Stramwitz. Graf Heinz hat vor einem Jahr geheiratet. Leider hat er sich eine Italienerin ausgesucht, seine Eltern waren darüber verzweifelt. Diese Rassenmischung heutzutage ist eine böse Sache. Es kommt ein fremdes Element in ein rein deutsches Haus. Sie hat auch einen ganz verrückten Namen, Gioia, oder so etwas ähnliches.«

»Das bedeutet ›Freude‹, wie hübsch!«

»Es gibt doch bei uns schöne Mädchen genug,« fuhr der Gymnasialprofessor fort, ohne ihren Einwand zu beachten. »Wohlerzogene deutsche Mädchen, geeignetere Mütter für den künftigen Majoratsherrn, als diese Fremde. Ich würde meinen Kindern niemals gestatten, einen Nichtdeutschen zu heiraten.«

»Armer Vater,« dachte Lene, »Deine Kinder werden Dich nicht fragen.«

Sie waren daheim angelangt. Als Lene die Zimmer durchschritt, vermeinte sie nie fortgewesen zu sein. Alles war unverändert. Das rote Plüschalbum lag noch immer auf dem großen Tisch in der Wohnstube, der Mutter Nähkorb stand daneben. Auch die Menschen waren die gleichen, hier in der kleinen Stadt war die Zeit stehen geblieben. An den Kaffeetischen wurden noch immer die alten Themen erörtert: Dienstbotennot, Verlobungen, Hochzeiten, Geburten und Todesfälle. Man las die »Gartenlaube« oder die »Woche«, blieb von jedem politischen Ereignis unberührt, freute sich höchstens, wenn ein neuer Kaiserenkel geboren wurde.

Eine Woche nach ihrer Ankunft begegnete Lene dem alten Pastor. Er ging mit ausgestreckten Armen auf sie zu. »Der ist auch kleiner geworden,« dachte das Mädchen, die verhutzelte alte Gestalt betrachtend.

Der alte Mann fragte nach Johannes, konnte nicht genug von seinem Lieblingsschüler hören. »Die jetzigen Schüler machen mir gar keine Freude; ich glaube, sie lachen mich heimlich aus,« meinte er wehmütig, »ich verstehe auch die heutige Jugend nicht mehr.«