Wieder einer, sagte sich Lene ungeduldig, den der Fortschritt stört. Doch schämte sie sich dieses Gedankens, da der alte Mann fortfuhr: »Sie hat gar keine menschlichen Ideale mehr. Zu meiner Zeit haben wir mit siebzehn und achtzehn Jahren für die Freiheit und die Menschenrechte geschwärmt, wenn wir auch später brave Spießbürger geworden sind. Heute glaubt die Jugend an Militarismus und Handel. Dazu ist sie so egoistisch geworden, so verständnislos. Und diesen nüchternen Köpfen soll ich Liebe predigen. Freilich, sie kommen auch nie in meine Predigt. Aber daran mag ich schuld sein; ich bin wohl zu langweilig.«

Die gütigen alten Augen sahen so ehrlich betrübt drein, daß Lene sich schwor, jeden Sonntag in die Kirche zu gehen.

»Wie ist denn die Jugend in der großen Stadt, mein Kind?« fragte er. »Sie kennen bestimmt viele von Johannes Freunden.«

Sie waren unterdessen unbemerkt beim Pfarrhaus angelangt. Der alte Mann zog Lene in den kleinen Garten. Sie setzten sich auf eine Bank in die Sonne, ein uralter Schäferhund humpelte hinkend herbei und rieb den Kopf gegen die Knie seines Herrn.

Lene erzählte von Johannes und den Freunden; sie wurde eifrig. Seit einer Woche durfte sie zum erstenmal reden, ohne vorerst jedes Wort reiflich zu überlegen. Der alte Pastor hörte interessiert zu, nickte beistimmend mit dem weißen Kopf. »Ihr nennt es Sozialismus,« meinte er schließlich, »wir haben es Christentum genannt. Es kommt wohl auf dasselbe heraus. Gott ist die Liebe und die Liebe ist Gott. Wohl uns, wenn wir diesen schlichten Satz erfassen können. Aber«, die alte Stimme wurde jählings hart und schneidend, »was haben wir aus dem Christentum gemacht? Einen Mantel, um unsere Verbrechen zu decken, eine Fahne, unter der wir gegen die heiligsten Gebote sündigen. Die Händler haben den Tempel geschändet und an das Kreuz, von dem sie den Heiland gerissen haben, schlagen sie die Armen. Wann wird der Herr kommen und die Verruchten austreiben?«

Der alte Mann hatte sich erhoben. Plötzlich war jede greisenhafte Schwäche von ihm abgefallen, die kleine Gestalt schien zu wachsen und eine seltene Würde anzunehmen.

Das Mädchen blickte ihn teilnehmend an und dachte: »Merkwürdig, wie er doch jetzt dem alten Abraham Löw, dem Rabbiner, gleicht.«

Fünfzehntes Kapitel.

Im kleinen Pfarrhausgarten stand der hübsch gedeckte Kaffeetisch mit der altmodischen dickbäuchigen silbernen Zuckerdose und den kleinen, zierlichen Meißener Täßchen, die noch von des Pastors Mutter stammten. Der alte Mann trippelte mit kleinen Schritten geschäftig hin und her, schnitt von seinen geliebten Rosenstöcken die schönsten Blüten und legte sie, nachdem er sorgsam die Dornen entfernt hatte, auf das blendend weiße Tischtuch. Lene Selder saß in einem tiefen Korbsessel und sah lächelnd seinem Treiben zu.

»Jetzt ruhen Sie sich aber aus, Herr Pastor,« sagte sie schließlich. »Alles ist wunderschön und Sie dürfen sich nicht müde machen, bevor der Besuch kommt.«