»Schönes?« Lene hatte das letzte Jahr ihres Lebens so viel Elend und Not, Häßlichkeit und Ungerechtigkeit gesehen, daß ihr diese Behauptung recht gewagt klang.

»Ja, natürlich, Bilder, schöne Bauten, Gärten, ein Sonnenuntergang, der San Miniato in Gold taucht, wie ein Märchenschloß. Und Musik und Farben und frohe Menschen.«

Lene runzelte die Stirn. »Und an die vielen Menschen, die nichts Schönes im Leben haben können, an die Armen denken Sie gar nicht, Gräfin?«

Gioia wurde still. »Halten Sie mich für einen schlechten Menschen?« fragte sie mit kindlichem Ernst. »Das macht das Leben hier ja noch viel trauriger. Wie die Menschen leben! Ganze Familien in eine Stube gepfercht, und arbeiten von sechs Uhr früh bis spät abends. Und wie die Gutsbesitzer ihre Leute behandeln, wie die Sklaven, Heinz ...« Sie brach ab, wurde dunkelrot und fuhr dann hastig fort: »Ich möchte mich so gerne mit den Leuten auf dem Gut anfreunden, ihnen helfen, aber sie sind entsetzlich mißtrauisch gegen mich, voller Ehrfurcht, sie sprechen zu mir, als ob ich ein höheres Wesen wäre. Und dann kann ich schlecht Deutsch, da fällt es mir doppelt schwer, den Leuten begreiflich zu machen, daß ich sie lieb habe und nicht dulden will, daß ihnen Unrecht geschieht.«

Mit nachsichtiger Überlegenheit hatte Lene zugehört; ein gutes, liebes Kind, dachte sie. Der Ton jedoch, mit dem Gioia die letzten Worte sprach, ließ sie aufhorchen. Sie wollte etwas erwidern, aber in diesem Augenblick kehrten die beiden Männer zurück.

»Eine Musterbienenwirtschaft hat der Herr Pastor,« bemerkte Heinz Stramwitz gnädig. »Wenn das Gesindel hier nicht so faul wäre, könnte es sich auf diese Art eine hübsche Summe machen.«

Lene ärgerte der hochmütige Ton, sie wollte etwas entgegnen, der alte Pastor jedoch schien dies zu erraten. Er legte ihr begütigend die Hand auf den Arm. »So, Lenchen, jetzt kommt der Tugend Lohn,« er kramte in seinen weiten Taschen und zog eine Schachtel Zigaretten hervor. »Die kleinen Mädchen von heute rauchen ja alle.«

»Bitte, geben Sie mir auch eine,« bat Gioia. Ihr Mann machte ein ärgerliches Gesicht. »Das ist bei uns nicht Sitte, liebes Kind,« bemerkte er schroff.

»Ich meine, es ist keine so große Sünde, ein wenig Rauch in die Luft zu blasen,« begütigte der Pastor.

Gioia warf ihm einen dankbaren Blick zu und sagte in ihrer hübschen, stockenden Art: »Ich wollte Sie etwas fragen, Herr Pastor. Der kleine Sohn unseres Müllers ist krank, er soll in der Sonne liegen. Wo kann ich hier einen guten, weichen Liegestuhl bekommen? Ich habe schon vergeblich in allen Geschäften gesucht.«