»Meine Frau posiert auf die Menschenfreundin,« meinte Heinz Stramwitz spöttisch, »das wird ihr schon vergehen, wenn sie erst sieht, wie undankbar das Gesindel ist. Man darf die Leute nicht verwöhnen, sonst werden sie frech. Aber meine Frau will das nicht einsehen. Sie macht bei jedem kranken Knechtskind Geschichten, als ob es sich um unsereins handeln würde. Dabei schadet es doch wirklich nichts, wenn so ein schmutziger Fratz daraufgeht, die Leute kriegen ja ohnehin jedes Jahr ein anderes, wie die Kaninchen.«

Lene war nicht mehr zu halten. »Würden Sie von Ihren eigenen Kindern auch so sprechen, Graf Stramwitz?« fragte sie mit zornbebender Stimme.

Er sah sie verblüfft an: »Das ist doch ganz etwas anderes, Fräulein Selder.«

Lene blickte verstohlen nach Gioia. Die junge Frau war ganz blaß geworden, sie biß sich in die Unterlippe und warf ihrem Mann einen haßerfüllten Blick zu. Das liebe, gute Kind dürfte gar nicht so zahm sein, dachte Lene schadenfroh, die wird dem braven Heinz noch recht unbequem werden.

Der alte Pastor streichelte beschwichtigend die schmale, weiße Hand der jungen Frau: »Ich werde Ihnen den Liegestuhl verschaffen, Gräfin.«

Gioia hielt die gütige alte Hand fest. »Sagen Sie nicht ›Gräfin‹, lieber Herr Pastor, und auch Sie, Fräulein Selder, nennen Sie mich Gioia. Sie beide sind die ersten wirklichen Menschen, die ich hierzulande getroffen habe!«

Peinliches Schweigen folgte diesem Ausbruch. Dann begann der alte Mann hastig von gleichgültigen Dingen zu sprechen. Als der Wagen vorfuhr, bat Gioia Lene, sie recht bald zu besuchen. »Schon morgen, kommen Sie zum Mittagessen und bleiben Sie den ganzen Nachmittag.«

Als die beiden fortgefahren waren, setzte sich der alte Pastor mit einem Seufzer der Erleichterung neben Lene.

»Die Frau gefällt mir,« meinte sie.

Er nickte; sein freundliches, runzliches Gesicht wurde traurig: »Armes Kind! Armes Kind!« –