»Du scheinst verrückt geworden zu sein, Gioia,« herrschte Heinz Stramwitz seine Frau an, als der Wagen die Chaussee entlang rollte, »Du vergißt, daß diese Leute nicht zu unserem Kreis gehören. Der alte Pastor ist ein braver Mann, und auch Herr Selder ist höchst ehrenhaft, aber immerhin, es sind doch Bürgerliche. Mit denen ist man hierzulande nicht so intim!«
»Sie gefallen mir jedenfalls viel besser, als Deine Verwandten und Freunde,« entgegnete Gioia trotzig.
»Ich sage ja nicht, daß Du mit ihnen nicht liebenswürdig sein sollst, aber Du kannst doch nicht das Gefühl haben, daß sie zu uns gehören,« meinte er etwas milder, »ihr im Ausland nehmt die Sache leider viel zu leicht. Bei uns hingegen versteht man den nötigen Abstand zu wahren.«
Sie hatte seine letzten Worte nicht beachtet. »Zu uns gehören,« wiederholte sie nachdenklich, »ich gehöre ja auch nicht zu euch, Heinz.«
»Als meine Frau gehörst Du in unseren Kreis. Außerdem brauchst Du nicht gar so bescheiden sein. Auch Deine Familie ist von gutem, alten Adel. Die Forragianis wurden bereits im fünfzehnten Jahrhundert geadelt. Und dann noch eines: Diese Lene Selder soll in Berlin in einem unmöglichen Milieu verkehren, Sozialisten, Juden, Anarchisten und wie diese Leute heißen mögen. Ich möchte nicht, daß Du Dich von ihren Ideen beeinflussen läßt. Ich weiß, es gilt auch bei einigen unserer Kreise für modern, liberale Ansichten zu haben, ich jedoch dulde das in meinem Hause nicht. Es hat noch kein Mitglied der Familie Stramwitz gegeben, das sich Liberalismus zuschulden kommen ließ, und es soll auch keines geben.«
Gioia schwieg. Daheim angelangt eilte sie in ihren kleinen Salon. Über dem Flügel hing ein großes Bild von Florenz. Mit heimwehschweren Augen betrachtete sie die schlanken Türme, die in den sonnigen Himmel strebten, die sanften Hügel, welche die Stadt einrahmten. Dann warf sie durchs Fenster einen schier feindseligen Blick auf die große Ebene. Ja, sie haßte dieses Land, haßte seine Gräue und Eintönigkeit, und auch die Menschen haßte sie, diese harten, kantigen Menschen mit ihren beschränkten Ideen, ihrem törichten Hochmut. »Ich gehöre nicht zu euch,« schluchzte sie auf, das Gesicht in die Hände vergrabend, »werde nie zu euch gehören, und will es auch nicht.«
Sie sank aufs Sofa und weinte bitterlich. Über ihr lächelte im sonnigen Glanz Florenz, die Stadt der Blumen und der Helle, in das dunkelnde Zimmer.
Sechzehntes Kapitel.
Tannenduft durchzog das Haus, im Wohnzimmer schmückte Frau Selder den Weihnachtsbaum, während Friedrich in einen Lehnstuhl hingelümmelt von seiner Garnison erzählte. Gustav, Johannes und Lene waren am vorhergehenden Abend eingetroffen; Herr Selder hatte diesmal auf einem »trauten Weihnachtsfest« bestanden, das alle im Elternhaus vereinigte. Bis auf Friedrich, der sich äußerst gut mit dem Vater verstand, waren sie widerstrebend gekommen. Lene, die einen besonderen Grund hatte, den Eltern etwas Liebes zu erweisen, hatte die beiden jungen Männer mit vieler Mühe überredet, mit ihr zu fahren.
Nun saßen sie alle drei in Lenes Zimmer. Gustav gähnte laut. »Eine teuflische Einrichtung, diese Familienfeste. Was haben eigentlich die Eltern davon, wenn wir uns nun hier langweilen? Daß Du herkamst, Lene, begreife ich noch, Du willst Deine letzte christliche Weihnacht feiern.«