»Warum bist Du so erstaunt? Wir vertragen uns gut, ich kann mir keine bessere Sekretärin vorstellen, außerdem bist Du recht nett.«
»Aber ...«
»Entschließe Dich, Lene,« drängte er, »es ist wirklich schon spät.«
»Du könntest mir wenigstens sagen, daß Du mich lieb hast und mir einen Kuß geben,« meinte sie vorwurfsvoll.
»Verzeih, das hab' ich ganz vergessen, das versteht sich ja auch von selbst.« Er küßte sie auf die frischen roten Lippen, seine Augen irrten von ihrem Gesicht zu dem Manuskript: »Du hast Dich schon wieder vertippt, dort, in der zweiten Zeile.«
Nein, er war kein leidenschaftlicher Bräutigam, aber wenn Lene an ihn dachte, wurde ihr dennoch froh ums Herz. Er war ihr bester Freund und der Mensch, dessen unbeugsamen Willen und zähe Arbeitskraft sie am meisten bewunderte. Da beide wußten, Lenes Eltern würden in diese Heirat niemals einwilligen, hatten sie beschlossen, sich im Januar trauen zu lassen und es erst als vollzogene Tatsache der Familie Selder mitzuteilen.
Johannes und Gustav erfuhren die Verlobung bereits am nächsten Tag. Gustav nahm die Ankündigung mit seiner gewohnten Ruhe auf. »Um so besser, dann werde ich wieder ungestört arbeiten können.« – –
Johannes Stimme unterbrach Lenes Gedanken. »Nun ist Savin schon in Rußland.«
»Ja, schade, daß er fortfuhr. Er hätte ebensogut in Berlin bleiben können.«
»Er wollte die deutsche Nüchternheit loswerden, wieder einmal revolutionäre Luft atmen.«