»Hoffentlich bleibt er nicht zu lang fort.«
Gustav dehnte sich: »Ich gehe schlafen, das ist ja nicht zum Aushalten vor Langweile.«
Die ganze Familie war um den Christbaum versammelt, auch Ilse mit ihrem Mann und den zwei Kindern hatte sich eingefunden. Lene war still und ein wenig gedrückt, Gustav verbarg nur mit Mühe seine Langeweile. Herr Selder sah sich mit stolzer Rührung im Kreis der Seinen um. »So hat uns das heilige Fest wieder alle vereint. Wie schön ist doch der Gedanke, daß an diesem Abend in unserem Vaterland allüberall der Christbaum brennt und aller Herzen des Herrn gedenken.«
»Es gibt auch etliche hunderttausend Einwohner, die keine Christen sind,« bemerkte Gustav mit unnötiger Genauigkeit.
Der Gymnasialprofessor warf ihm einen strafenden Blick zu. »Ich spreche nur von unseren Volksgenossen, die anderen zählen nicht.«
Friedrich hatte sich Lene genähert. »Die Mutter erzählte mir, Du seiest mit der jungen Gräfin Stramwitz sehr befreundet. Du könntest mich mitnehmen, wenn Du das nächstemal dort Besuch machst. Ich kenne ja ihren Mann.«
»Gioia lernt nicht gerne fremde Leute kennen.«
»Gioia, Du nennst sie Gioia? So intim seid ihr? Du bist doch klüger, als ich dachte, verstehst gute Verbindungen anzuknüpfen. Vielleicht laden sie Dich einmal nach Berlin ein. Sie führen ein großes Haus, sogar der Kronprinz verkehrt bei ihnen.«
Ilse klagte halblaut ihrer Mutter. »Adolf hat so viel Ärger mit seinen Untergebenen. Die Leute werden täglich frecher. Das macht ihn furchtbar nervös. Und gerade jetzt, wo ich das Kind erwarte ...«
Johannes hatte sich in eine Ecke zurückgezogen und betrachtete die Szene. »Trauliche Weihnachten!« Wie fremd waren sich doch alle diese Menschen, wie wenig verstanden sie einander. Er gedachte der vielen Weihnachtsabende, die er in diesem Haus verbracht hatte. Stets war es das gleiche gewesen, erzwungene Feststimmung. Die alte Kindertraurigkeit befiel ihn. So hatte er als kleiner Knabe in einer Ecke gehockt, fremd unter Fremden. Draußen im Leben, wo es Arbeit gab, kannte er dieses Gefühl nicht mehr, dort hatte er seinen Platz gefunden, hatte die Menschen gefunden, zu denen er gehörte.