Die Männer der Familie hatten sich zusammengesetzt, Ilse und Frau Selder spielten mit den Kindern. Lene hatte unbemerkt das Zimmer verlassen. Einzelne Worte drangen zu Johannes herüber. Er hörte Friedrichs schnarrende Stimme: »Disziplin ... Ordnung halten ... Die verdammte rote Bande ...« Und Adolfs heiseres Organ: »Mit Maschinengewehren dreinfahren ...« »Unser Kaiser wird schon mit ihnen fertig werden,« das war der Gymnasialprofessor ... »Ja, Mama, die kleine Annie kann schon ganz richtig singen, ich habe sie den Weihnachtspsalm gelehrt ... Willst Du ihn nicht Großmama vorsingen, mein Herzchen?« Friedrich wurde warm: »Dieser verdammte faule Friede! Deutschland geht daran zugrunde. Und die anderen Nationen werden immer übermütiger. Wir brauchen einen frisch fröhlichen Krieg, dann ...« Die kleine Annie hatte sich aufgestellt, sie hielt die Händchen gefaltet und sang mit ihrer schrillen dünnen Kinderstimme: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!«

Siebzehntes Kapitel.

Wenn sich der Bergbach dem Abhang naht, über den er als tosender Wasserfall in die grausige Tiefe stürzt, so eilen die kleinen Wellen, treiben eine die andere mit wilder Hast vorwärts, springen über Stein und Geröll, als könnten sie es nicht erwarten, in die fremde unheimliche Tiefe zu stürzen, als riefe sie das Verderben mit lockender Stimme, trügerisches Glück vorspiegelnd, mit sanften Worten Tod und Unheil verschleiernd. Und die kleinen Wellen hasten und jagen, ahnen nicht die Gefahr, ermuntern einander zu immer rascherem Lauf und stürzen hinab, ehe sie sich's gewahr geworden. – –

Derart flogen die Jahre, angezogen von einem unbekannten entsetzlichen Grauen, das in Nacht verborgen auf sie lauerte. Bisweilen zuckte freilich ein Blitz durch die Wolken und wies auf den steil abfallenden Hang, dann warnten einige, die weiser waren, als die andern: wir treiben dem Verderben zu! Die meisten jedoch lachten ihrer und verspotteten sie als Träumer, die am hellen Mittag Gespenster sehen.

Boris Isralew gehörte zu diesen verlachten Propheten. »Seht ihr denn nicht, daß wir uns täglich mehr der Katastrophe nähern?« pflegte er den Freunden zu sagen, »glaubt ihr das Rüsten der Völker, das Hetzen der Presse bedeute nichts, sei belangloses Spiel? Arbeitet, arbeitet, klärt die Massen auf, reißt die Giftblume, die sich Patriotismus nennt, mit der Wurzel aus. Merkt ihr denn nicht, ihr Narren, wie sie in allen Beeten aufwuchert und mit ihrem schwülen Duft die Gehirne der Menschen verwirrt und betäubt?«

Auch Savin schrieb ähnliches aus Rußland: »Es bereitet sich ein Verbrechen vor, das ungeheuerlichste der Weltgeschichte. Unsere Regierung fühlt das Nahen der Revolution, sie wird mit allen Mitteln das Volk ablenken. Wir tun, was wir können, arbeitet auch ihr. Jede Stunde ist von unermeßlichem Wert.«

Die Freunde lachten: »Ihr seid verrückt, ihr Russen. Noch nie stand der Gedanke des Internationalismus auf so festen Füßen. Glaubt Ihr denn wirklich, ein Arbeiter würde gegen den anderen Arbeiter ziehen? Wenn es nottut, ist im Verlauf weniger Stunden in allen Ländern der Generalstreik proklamiert, dann können die Herrscher sich gegenseitig bekriegen, wenn sie es wollen, kein Arbeiter tut mit!«

Am überzeugtesten verfocht Philipp Schermann diese Ansichten, wenn sie im kleinen Kreise zur Sprache gebracht wurden. »Ihr kennt den deutschen Arbeiter nicht, scheint gar nicht zu wissen, welche Kulturhöhe er erreicht hat. Er läßt sich nicht mit faulen Schlagworten fangen, wie dies beim Romanen oder im Osten der Fall sein könnte. Außerdem unterschätzt ihr unsere Führer; kein einziger würde für Kriegskredite stimmen.«

Kerner schüttelte den grauen Kopf. »Der Führer bin ich nicht so sicher. Seit einiger Zeit weht ein ›deutscher‹ Wind durch ihre Reden, auf die Arbeiter jedoch kann man sich verlassen. Der Gegensatz zwischen den Klassen hat sich in den letzten Jahren ungeheuer verschärft; niemals wird das Proletariat für die Herren in den Krieg ziehen. Es wird nur noch einen einzigen Kampf ausfechten – seinen eigenen.« – –

So kamen der Sommer mit Glut und Duft, der Winter mit glitzernder Kälte; mit rasender Schnelligkeit drehte sich das Rad der Zeit, Minute peitschte Minute dem Verderben entgegen.