Der kleine Freundeskreis hatte sich wenig verändert. Lene und Anatol waren verheiratet, und ein kleiner schwarzäugiger Knabe lärmte durch ihre bescheidene Wohnung. Johannes hatte sein Studium beendet und eine Praxis begründet, die ihm allerdings wenig eintrug, da er meist arme Leute zu Patienten hatte. Gustav hatte sich in der Gelehrtenwelt einen guten Namen errungen. Er war noch immer der alte Bücherwurm und vergrub sich nach wie vor in seinen einsamen Zimmern. Friedrich hatte nach der Schwester Heirat völlig mit ihr gebrochen, seine Empörung war grenzenlos und sein ganzes Bestreben darauf gerichtet, vor den Regimentskameraden zu verbergen, daß er eine Schwester habe, die Frau Silberblatt hieß. Er war es auch, der den Zorn der Eltern gegen die ungeratene Tochter stets von neuem bestärkte und darauf bestand, daß ihr die Rückkehr ins Elternhaus verboten werde. Der Gymnasialprofessor freilich brauchte hierzu nicht erst aufgestachelt zu werden, und Frau Selder fügte sich auch hierin seinen Wünschen, wie sie sich ja ihr ganzes Leben gefügt hatte, doch stand in jedem ihrer Briefe an Gustav schüchtern, als Postskriptum, die Frage: »Wie geht es Lene?«
Seit einem halben Jahr war der kleine Kreis um ein Mitglied größer geworden. An einem Dezemberabend hatte es an Lenes Wohnungstür geklingelt, und als sie öffnen ging, stand Gioia Stramwitz auf der Schwelle. »Darf ich bei Euch bleiben?«
»Ja, selbstverständlich, aber ...«
Gioia hielt Lenes Hand fest: »Frag' nicht viel, ich bin totmüde, nimm mich auf. Wir lassen uns scheiden.«
»Na endlich!« rief Lene etwas taktlos und zog die Freundin in das behagliche Wohnzimmer. Allmählich erfuhr sie die ganze Geschichte. »Ich ertrug es nicht länger,« erzählte die junge Frau, die schmal und blaß geworden war. »Konnte nicht mehr mit ansehen, wie Heinz mit seinen Leuten umging. Kannst Du Dir vorstellen, daß er sie schlug – mit dem Stock? Und wenn ich eine Einrede wagte, hieß es: ›Das ist mein Haus, hier geschieht, was ich will!‹ Und dann immer die versteckten und offenen Vorwürfe der Familie, daß ich noch keinen Sohn habe. ›Das schöne Gut, wer soll es denn einmal übernehmen?‹«
»Armes Kind!«
»Ich habe die Zähne zusammengebissen, redete mir ein, es sei meine Pflicht, bei Heinz zu bleiben. Dann aber geschah etwas, über das ich nicht mehr hinwegkommen konnte. Unser Vorarbeiter hatte eine nette, junge Frau, ein liebes, zartes Geschöpf. Die beiden Leute waren so glücklich miteinander, und als die kleine Frau ein Kind erwartete, ging sie immer mit einem ganz verklärten Gesicht umher. An einem Abend, es war ein furchtbares Wetter, Regen und Sturm, kam der Vorarbeiter zu meinem Mann und bat ihn, um den Arzt zu schicken, bei seiner Frau hätten die Wehen begonnen.
›Bei diesem Wetter meine Pferde anspannen und zwei Stunden laufen lassen?‹ schrie Heinz den Mann an. ›Sie sind wohl verrückt geworden?‹ Der Mann blieb ganz ruhig, ich sah, wie ihn die Angst um seine Frau quälte. ›Sie ist eine schwache Frau,‹ sagte er, ›ich bitte den gnädigen Herrn recht herzlich. Frau Gräfin, Sie sind immer gut zu uns gewesen, helfen Sie uns jetzt.‹
Nun baten wir beide, der Mann mit Tränen in den Augen, ich zitternd vor unterdrückter Empörung. Heinz geriet in Zorn: ›Euere Weiber werfen ja wie die Hündinnen!‹ schrie er. ›Heute abend kommt mir kein Pferd aus dem Stall.‹ Und er klingelte und befahl dem Kutscher zu sagen, er solle darauf achten, daß kein Pferd angespannt werde. Lene, des Mannes Gesicht! Diese hilflose Wut, diese Verzweiflung! Ich ging mit ihm zu seiner Frau. Es war eine schreckliche Nacht. Gegen Morgen gebar die Frau ein kleines totes Kind, und eine Stunde darauf starb sie selbst. Der Mann war ganz still, er sagte kein Wort. Nur einmal, als er an mir vorbeikam – ich weinte in einer Zimmerecke –, streichelte er meinen Arm und sagte: ›Weinen Sie nicht, Sie haben alles getan, was Sie konnten, und für die Frau ist es besser, tot zu sein. Der Herr hätte uns ohnehin entlassen, und wo hätten wir so schnell Arbeit gefunden? Die Gutsherren nehmen nicht gern eine Familie mit einem kleinen Kind, weil die Frau dann nicht zur Arbeit gehen kann.‹
Am Vormittag kam Heinz mich holen. Die Stube war voller Menschen, Frauen waren gekommen, um die Tote zu sehen. Ich war wie von Sinnen. Als Heinz eintrat, zeigte ich auf das Bett und schrie ihm ›Mörder!‹ zu. Und als er mich anherrschte, verlor ich den letzten Rest von Selbstbeherrschung. ›Du willst einen Sohn von mir, Du Verbrecher!‹ schrie ich, ›Du wirst mich nicht mehr anrühren. Ich werde Dich beim Gericht anklagen, Du Mörder! Du Mörder!‹