Johannes aber, der stille und verschlossene, wagte kein Wort, bis sie einmal abends nach einer Versammlung heimgingen. Vor Lenes Wohnung machten sie Halt. Plötzlich erfaßte ihn übermächtig die Sehnsucht nach dieser Frau und ihm war, als müsse er sterben, wenn sie jetzt von ihm ginge. Er hielt ihre Hand fest. »Gioia, geh nicht zu den anderen, komm' mit mir, Du gehörst mir.«

Sie schwieg einen Augenblick. – Da brach alle Sehnsucht des Heimatlosen, alles Verlangen des Einsamen in stammelnden Worten aus ihm hervor. Ungelenke, fast kindische Sätze der Leidenschaft, der Liebe. Und abermals wiederholte er, wie um es sich selbst zu versichern: »Du gehörst mir!«

»Das weißt Du erst jetzt?« fragte sie leise. Nicht nur die Worte, der ganze Ton der warmen Stimme gaben ihm Antwort.

Er schlang in der Dunkelheit die Arme um sie, und so strebten sie nach seiner kleinen Stube. Von draußen dufteten die Linden herein. Ein leiser Wind bewegte den Vorhang am offenen Fenster.


In Sarajewo war der österreichische Thronfolger ermordet worden. »Was geht das uns an? Ein Habsburger weniger,« meinte Philipp Schermann gelassen. Aber Anatol war anderer Ansicht. »Ein günstiger Vorwand für die Kriegspartei.«

»Bei uns ist sie viel zu schwach, um Unheil zu stiften,« behauptete der andere überzeugt, »sie schreit, rasselt mit dem Säbel und wagt doch nichts zu tun, weil sie ganz genau weiß, sie hat im Fall einer Kriegserklärung das ganze Volk gegen sich.«

»Aber in den anderen Ländern,« meinte Lene sorgenvoll.

»England ist aus Vernunftsgründen gegen den Krieg,« entgegnete Frau von Reuter, die, den kleinen Emanuel auf den Knien, am Fenster saß, »es weiß genau, welch ungeheuerer materieller Schaden ihm daraus erwachsen würde.«

»Und in Frankreich sind die Sozialisten zu mächtig, außerdem haben sie dort einen Mann, der die Massen in der Hand hält. Jaurès wird mit allen Kräften den Krieg verhindern.«