Der alte Abraham Löw saß zusammengekauert in einer Ecke. Seit dem Mord von Sarajewo hatte ihn tiefe Traurigkeit befallen. Er schwieg unentwegt, schien die an ihn gerichteten Worte nicht zu hören, starrte mit entsetzten Augen in die Ferne, als ob er dort etwas Furchtbares erblicke.

Ein herrlicher Sommertag strahlte mit sonnenbegnadeter Glut über Berlin. Lene deckte den Tisch und seufzte ein wenig über Anatols Unpünktlichkeit. Boris Isralew, den die Sonne aus dem Zimmer gelockt hatte, stand am Fenster, auch Abraham Löw hatte sich wie gewöhnlich zum Mittagessen eingefunden. »Mir scheint, es werden Extrablätter verkauft,« sagte Boris, »die Leute rotten sich zusammen. Ich werde eines holen gehen.«

»Nein, Boris, Sie sollen nicht die vielen Treppen steigen, Anatol muß ja gleich kommen, dann werden wir alles erfahren.«

»Böses bereitet sich vor,« murmelte Abraham Löw in seiner Ecke.

Die Tür wurde aufgerissen, Anatol erschien, atemlos vom eiligen Gang, sehr blaß. »Jaurès ist ermordet worden!«

»Jaurès!«

Ein Glas entfiel Lenes Händen und zerscherbte auf dem Fußboden. »Unmöglich! ... Wann? ... Wer hat es getan?« ... Fragen überstürzten sich. Dann verstummten alle. Schwere Furcht, böse Ahnungen lasteten über der kleinen Stube. Und plötzlich erhob der alte Mann in der Ecke seine Stimme, sie klang dumpf und verzweifelt. »Wehe, es stehen Fackeln im Winde und leuchten durch die Nacht. Die eine große, hellstrahlende hat der Sturm verlöscht, und die anderen zittern und brennen schwächer und schwächer. Wehe, auch sie werden verlöschen. Nacht bricht herein und treibt aus die Helle. Nacht herrscht allerorten, und durch das Dunkel schreit der Jammer zum ehernen Himmel auf!«

Achtzehntes Kapitel.

Die eine Fackel, die große, hellstrahlende, die seit Jahren in Frankreich geleuchtet hatte, war erloschen. Die anderen bebten im gewaltigen Sturmwind, zitterten, brannten schwächer, immer schwächer – erloschen. Die Nacht des Wahnsinns breitete sich über die Länder, drang in Geister und Seelen. Ätzendes Lügengift spritzte aus Worten und Schriften, lähmte die Gehirne. Herden waren die Menschen geworden, sinnlos verschreckte Herden, denen des Hirten gellender Angstschrei den Wolf verkündet. Besinnungslos trieben sie vorwärts, rissen alle mit, zertraten unter ihren Füßen, wer im irren Lauf nicht Schritt halten konnte. Keiner riß sich los aus der Herde, keiner schrie den Betörten die Wahrheit zu. Wurde wirklich keine Stimme laut oder versank sie im Gebrüll der Masse? Wo waren die Führer? Wo die Männer, deren Geist durch Jahrzehnte die Menge gelenkt hatte? Verkrochen sie sich feige vor dem Sturm, wurden auch ihre Hirne geblendet, wie das des Unwissendsten ihrer Anhänger?

Aus geballten Leidenschaften und niedrigem Neid, aus Ehrgeiz und Habsucht, aus Feigheit und Leichtgläubigkeit formten die Menschen mit eigenen Händen den Moloch, das Ungeheuer mit den tausend Fangarmen und der unersättlichen Gier, das Mordgespenst, Tod und Verderben atmend. Und sie erhoben es, beteten es an, in selbstzerfleischender Raserei und nannten es Vaterland.