Vaterland! Nie mehr wird nach diesen furchtbaren Jahren ein Denkender dies Wort aussprechen können, ohne zu schaudern. Daß zwei heilige Dinge verbunden den Dämon ergeben können, der die Menschheit vernichtet! Vater: Hüter, Pfleger, Schützer der Seinen; Land: gütiger, nährender Boden, korngoldene Felder, Fruchtbarkeit, Segen.

Eine Fackel erlosch nach der anderen, hatten sie jemals gebrannt? In allen Parlamenten stimmten die Vertreter des Volkes für die Kriegskredite, nur in Serbien fanden zwei Männer den Mut, ihre Stimmung dagegen zu erheben und in Deutschland verließ bei der Abstimmung einer den Saal. Ein einziger!

Wo waren die Führer? Blinde und Verräter sprachen zum Volke, Blinde und Verräter drängten sich, des eigenen Vorteils eingedenk um den Kaiser. Schwarze Druckerschwärze spie Geifer unter die Menge.

Der Generalstreik? »Die anderen sollen damit anfangen,« hieß es in jedem Land, »dann werden wir ihrem Beispiel folgen. Wir dürfen unser Land nicht preisgeben.«

Urplötzlich hatten sie alle ein Land, die Menschen, die noch vor Wochen die ganze Welt Heimat genannt und der Grenzpfähle gespottet hatten. Und hatten ein Volk, die früher nur die »Internationale« gekannt. Jene, die außer dem Klassenkampf jeden Kampf zurückgewiesen hatten, sprachen mit volltönenden Worten auf offenem Markte von »unserem« Krieg, forderten Geknechtete, Unterdrückte auf, mit ihren Herren die Brüder zu bekämpfen.

»Gott hat Wahnsinn in die Welt geblasen und keiner vermag sich dessen zu erwehren,« seufzte Abraham Löw, als an einem Abend nach der englischen Kriegserklärung die Freunde bei Lene zusammengekommen waren.

»Wir sind angegriffen worden, wir müssen uns verteidigen!« warf Philipp Schermann ein.

»Wir sind nicht angegriffen worden,« entgegnete Johannes hart, und Gioia rief zornig: »Diese Lügen tragt Ihr ins Volk, um es für den Krieg zu begeistern!«

»Sollen wir unseren Boden den Feinden preisgeben?« fragte Philipp empört.

»Was ist der Boden gegen die Menschen?« Frau von Reuters milde, alte Stimme bebte. »Ich kann gar nicht auf die Straße gehen und die jungen, starken Leute ansehen, die abmarschieren. Rotwangig, stramm, singend schreiten sie einher und sind doch nur Gespenster, Tote, die sich noch als Lebende fühlen. Mir ist zumut, als müßte ich die Züge zum Stehen bringen, welche Menschen, gesunde, lebensvolle Menschen in den Tod tragen.«