»Und keiner tut etwas, keiner,« sagte Anatol düster, »die einen haben den Kopf verloren, die anderen, wie wir, sitzen daheim und jammern.«
»Deutschland ist an dem Krieg nicht schuld! Die Feinde haben ihn uns aufgezwungen!«
»Die Feinde? Philipp, wer sind die Feinde? Die unseligen Proletariermassen, die aus allen Ländern an die Front getrieben werden, oder die Regierungen im eigenen Lande?«
»Er redet schon ganz ›vaterländisch-korrekt‹,« höhnte Anatol. »Die Feinde! Du hast Dich schnell zurechtgefunden, mein guter Philipp.«
»Laß jetzt die dummen Hänseleien.« Philipps frisches Gesicht färbte sich dunkelrot. »Jetzt, wo das Vaterland in Gefahr ist, ist die Zeit des Haarspaltens vorbei. Das haben auch unsere Führer eingesehen und haben für die Dauer des Krieges den Kampf gegen die Regierung eingestellt. Wir können nicht anders handeln, aber die Sozialisten in den anderen Ländern, die es viel leichter haben, als wir, sind zu Verrätern an der ›Internationale‹ geworden.«
»Die Internationale,« meinte Lene sinnend, »klingt das Wort nicht wie ein Hohn? Wir meinten einen unzerstörbaren Bau aufgeführt zu haben, und beim ersten Sturm stürzt er zusammen.«
Der alte Rabbiner blickte wie betäubt im Kreise umher: »Ein stolzer Bau, fest stand der Tempel Jehovahs zu Jerusalem und dennoch ward er zerstört, doch wenn der Herr die Seinen versammelt, wird auch der Tempel wieder aufragen auf dem heiligen Berg. Viele Tränen werden die Mauern reinwaschen und der Schuldlosen Blut wird die Steine aneinanderkitten, wie Mörtel.«
Anatol war aufgeschnellt. »Ich ertrage euer nutzloses Gejammer nicht länger. Johannes, Gioia ...« er zog die beiden in eine Ecke und sprach eifrig auf sie ein.
»Ich habe Boris Isralew zu mir ins Haus genommen,« sagte Frau von Reuter, »als Russe und Revolutionär dürften ihm allerlei Schwierigkeiten drohen, so kann ich ihn mit meinem Namen schützen.«
»Ich hoffe, Sie werden aber auch darauf achten, gnädige Frau,« warf Philipp Schermann ein, »daß er keine kriegsfeindliche Hetze treibt. In diesem Augenblick ...«