»Merkwürdig; was mir an ihm gefällt, ist, daß er, dieser impulsive Mensch, sich so völlig der Massensuggestion entziehen konnte. Aber er brauchte diese Tatsache doch nicht in alle Welt zu schreien.«
»Sollen wir unsere Überzeugungen verleugnen?«
»Steig' doch nicht gleich aufs hohe Roß. Übrigens, ich bitte Dich, was sind Überzeugungen? Vor fünf Monaten haben wir alle behauptet, es sei ein Verbrechen, einen Menschen zu töten, und jetzt, wenn einer recht viel Morde auf dem Gewissen hat, bekommt er das Eiserne Kreuz.«
»Und Du bist damit einverstanden?«
»Nein, ich halte die ganze Sache für eine maßlose Vergeudung von Werten, bin auch ganz froh, daß mich meine Kurzsichtigkeit untauglich macht. Ich habe weder Lust, mich aus mir unbekannten Gründen totschießen zu lassen, noch fremde Menschen, die mir nie etwas zuleide getan haben, umzubringen. Aber deshalb stelle ich mich doch nicht auf die Straße, schreie wie ein Zahnbrecher und riskiere den Galgen. Wenn die Leute dumm genug sind, sich als Schlachtvieh behandeln zu lassen, so geschieht es ihnen ganz recht. Übrigens,« fügte er ernst werdend hinzu, »habe ich eine gewisse Achtung vor Anatol und euch übrigen Narren. Ihr seid wenigstens konsequent, nicht wie der unausstehliche blonde Kerl, den ich öfter bei euch traf, und der nicht fünf Worte reden konnte, ohne zu versichern: ich bin Sozialdemokrat. Und dann geht der Mensch hin und meldet sich freiwillig. Wie heißt er denn nur?«
»Philipp Schermann.«
»Hoffentlich fällt er bald. Ich kann patriotische Sozialisten nicht leiden, auch reine Patrioten nicht. Mir scheint, mir sind überhaupt alle Menschen widerlich geworden. Wo man hinkommt: ›Haben Sie's schon gehört? Ein neuer Sieg! Gefangene! Der Feind hat schwere Verluste erlitten!‹ Was geht mich der ganze dumme Krieg an? Ich will in Ruhe arbeiten.«
»Auch Du wirst nicht gleichgültig bleiben können. Jetzt heißt es, die eine oder die andere Partei ergreifen.«
»Spiele nicht die Seherin, das hast Du Dir von dem alten Rabbiner angewöhnt, der immer bei euch hockt. Übrigens schrieb mir die Mutter ungefähr das Gleiche. Ich habe Dir ihren Brief mitgebracht – ein Zeitdokument. Hier ist er, lies!« und Lene las:
Lieber Gustav!