Du wirst vielleicht erfahren haben, daß unser lieber Friedrich mit dem Eisernen Kreuz ausgezeichnet worden ist. Der Vater und ich sind sehr stolz darauf und danken Gott, daß er uns einen so tapferen, edlen Sohn gegeben hat, und daß wir ihn dem Vaterland schenken dürfen.

Dein letzter Brief hat den Vater peinlich berührt, er versteht nicht, wie Du Dein Herz in dieser großen Zeit so verschließen kannst. Auch ich begreife Dich nicht. Hast denn nicht auch Du im Elternhaus Liebe fürs Vaterland und für unseren herrlichen Kaiser gelernt? Ist Dir Dein Volk nicht teuer? Der Vater ist sehr betrübt darüber, daß Du untauglich bist. Er hätte so gerne der Heimat zwei Söhne gegeben.

Eben bringt er mir die erfreuliche Nachricht, daß im Osten eine große Schlacht geschlagen wurde und der Feind an die zwanzigtausend Mann Verluste hat. Gott wird uns auch fürderhin beistehen ...«

Lene warf den Brief unmutig auf den Tisch: »Ich kann nicht weiterlesen, es ekelt mich.«

Gustav lachte. »Unsere gute, sanfte Mutter, eine freudige Nachricht, daß zwanzigtausend Menschen getötet worden sind! Das würde ich schließlich noch begreifen, sie ist borniert und phantasielos, wie alle Frauen; sieht nicht ein, daß auch die Feinde Menschen sind. Aber was sie über Friedrich schreibt, ihren Liebling! Stolz über die Auszeichnung, Freude, daß sie ihn dem Vaterland schenken dürfen! Ich hätte geglaubt, eine Frau würde schreien: ›Gebt mir meinen Sohn zurück, mit welchem Recht setzt ihr sein Leben aufs Spiel. Was geht mich euer verdammtes Vaterland an? Ich will mein Kind!‹«

»Unzählige Frauen denken so,« entgegnete Lene traurig.

»Warum brüllen sie's dann nicht heraus? Warum tun sie nichts? Ihr seid zu nichts gut, ihr Weiber!«

»Weil wir feig sind. Laß aber einmal Elend und Verzweiflung stärker werden, als die Feigheit, dann wirst Du sehen, was wir tun können.«

Kalter, feiner Regen rieselte herab, die Laternen spiegelten sich im feuchten Asphalt, der Nebel dämpfte das Rollen der Räder und Pusten der Automobile. Gioia hastete heim, die Hände in den Muff gepreßt. Im Wohnzimmer fand sie Johannes regungslos in einem tiefen Lehnstuhl vergraben.

»Du hast Dich wieder den ganzen Nachmittag nicht gerührt, Johannes.«