Er seufzte. »Du bist ein Kind, Gioia, eine unverbesserliche Optimistin. Alles ist zusammengebrochen, eingestürzt, und Du nimmst einen winzigen Stein aus den Trümmern und rufst freudestrahlend: ›Aus diesem Stein werde ich den neuen Bau errichten!‹«

»Heute ist ein neuer Stein hinzugekommen, nein, zwei neue Steine. Setz Dich auf, Johannes, schau' nicht so verzweifelt drein, Du benimmst sonst auch mir den Mut.«

Er streichelte zärtlich das rotbraune Haar, das von der Feuchtigkeit gelöst in ihr Gesicht hing. »Du darfst nicht ungeduldig werden, Gioia, mußt doch begreifen, wie mir zumute ist. Alles, woran man jahrelang geglaubt hat, in einer kurzen Woche vernichtet. Aus dieser Zerstörung läßt sich nichts mehr aufbauen. Und die Menschen! Ich gehe durch die gewohnten Straßen, wie durch eine fremde Stadt. Eine unbekannte Sprache umflutet mich, ich treffe Freunde, freue mich sie zu sehen, und bemerke nach den ersten Worten, daß mir Fremde gegenüberstehen.«

Sie blickte ihn besorgt an. »Du darfst Dich nicht so gehen lassen.«

Er beachtete ihren Einwurf nicht, fuhr wie zu sich selbst fort: »Mir ist zumute, wie in meinen Kindertagen; alte unklare Erinnerungen suchen mich heim. Ich sehe eine große Stadt, höre wilde Schreie, Menschen kommen mit Knüppeln, fallen über andere her. Woher kommt dies Bild? Ich erinnere mich an nichts derartiges. Dann gibt es noch ein Bild, das mich bis in meinen Schlaf verfolgt: auf hohem Hügel ein zertrümmerter, eingestürzter Bau, eine Woge des Weinens und Klagens umspielt ihn, und ich weiß, daß zusammen mit diesem Bau die Hoffnung der Menschen vernichtet ward.«

»Wir richten ihn wieder auf!« rief sie eifrig. »Schon sind die Bauleute an der Arbeit, bei uns und in allen Ländern.«

Er schüttelte verzagt den Kopf. »Ich sehe keine.« Dann nach einer kleinen Pause: »Du wolltest mir doch etwas erzählen?«

»Ja, ein Brief von Savin ist gekommen.«

»Aus Rußland? Wie ist das möglich?«

»Wir wissen es selbst nicht. Heute Morgen fand Boris in seiner Tür einen schmutzigen Umschlag ohne Aufschrift stecken. Darin lag ein Zettel, Savins Schrift, bloß ein paar Worte: ›Verliert nicht den Mut, Großes bereitet sich vor, wir arbeiten trotz allem zusammen. Grüße die Genossen.‹ Siehst Du, daß wir Freunde haben, Johannes?«