Bleiern schleppte sich die Zeit dahin, auf dunkle Wintertage folgte ein freudloser Frühling. Weshalb scheint die Sonne, weshalb schmücken sich die Bäume mit frischem Laub? Draußen an der Front stehen die Menschen, vergehen in Elend und Not, daheim hockt an jedem Herde die Trauer um Verlorene und hüllt das ganze Haus in ihre schwarzen Schleier. Kommt noch kein Ende? Sieg oder Niederlage, bloß ein Ende des Grauens. Regen sich die Völker noch immer nicht? Stumpf ziehen sie aus, stumpf kehren die Krüppel und Verwundeten heim. Und noch immer betäuben die Regierungen die Ohren ihrer Untertanen mit dem Wort: »Vaterland« und ersticken in patriotischem Fanfarenklang das Weinen der Verzweifelten.

Die Asche dumpfgrauer Ergebung bedeckt die Länder. Niemals kann daraus die befreiende Flamme auflodern.

Und dennoch! Knistert es nicht hier und dort wie verborgene Glut, leuchtet nicht bisweilen ein roter Funke auf?

Durch siegestrunkene Massen, durch niederlagegeängstete Völker gehen Menschen, die eine andere Sprache reden, die Sprache, die vor dem Kriege so vielen verständlich war. Einer horcht auf, dann ein zweiter; scheu, ängstlich, schier wie im Traum flüstern sie die Worte nach. Totes wird wieder lebendig. Erstarrtes taut auf. In allen Sprachen werden die Worte geflüstert, harte und weiche Laute fließen zusammen. Noch ist es bloß Raunen, doch Tag für Tag fallen neue Stimmen in den Chor ein. Die Schuldigen, die an sicheren Stellen verharren, die Henker, die reuelos ihre Völker in den Tod schicken, sind taub gegen das unterirdische Gemurmel. Sie hören bloß ihr eigenes Kriegsgebrüll. Und der Chor schwillt an. Bald wird der Tag kommen, da er aufgellend Kanonengedröhn und Hurrageschrei übertönt, da aus Schützengräben und Spitälern, aus Elendswohnungen und Gefängnissen ein Wort hervorbricht und wie Blitz in den Himmel fährt: »Friede, Freiheit, Revolution!«

Zwanzigstes Kapitel.

In weichen blauen Schatten, blaßflimmernden Lichtstrahlen gleitet der erste Maitag in die Nacht hinüber. Bogenlampen kämpften noch mit der Tageshelle, glühen fahl und gespenstisch auf.

Reges Treiben herrscht auf den Straßen, Menschen hasten dahin, stoßen, drängen in eine Richtung, als wären sie magnetisch angezogen. Auf dem Potsdamer Platz staut sich das Volk; harte Arbeitergesichter, blasse abgehärmte Frauen, zufrieden-fette neugierig glotzende Bürger, Schutzleute mit herausfordernden Gebärden, alles wogt durcheinander. Bisweilen schrillt ein Pfiff durch die Luft, ein Ruf wird laut; leises gedämpftes Murmeln umspült den Platz, wie Wogen ein Felsenriff.

Noch kommen Menschen, mehr und mehr. Seltsam verändert scheinen die seit zwei Jahren in tierischer Ergebung verstumpften Gesichter. Trostlose Augen leuchten plötzlich hoffnungserfüllt, halboffene Münder scheinen nach frischem Trank zu gieren, schlaffe Muskeln straffen sich, von neuer Ahnung belebt. So mag die Menge ausgezogen sein, den Nazarener zu sehen, der Worte des ewigen Lebens hatte. Und so, mit dem hämischen Feindesblick, mit der satten Selbstherrlichkeit mögen auch damals die Pharisäer und Reichen abseits gestanden haben, törichter Neugierde voll, wie heute die Bürger.

Menschen um Menschen, schwarz wird der dicht gedrängte Platz, und noch immer kommen neue hinzu, kommen, kommen ...

Einer hat sie gerufen, einer, auf den sie vertrauen dürfen, der Freund der Geknebelten und Geknechteten, der Mann, der aus dem Schlamm der Feigheit, in dem seine einstigen Genossen versunken sind, aufstieg, der Feind der Herren und Unterdrücker.