Er spricht zu ihnen, Blitze sind die kurzen scharfen Worte, die das Dunkel der Geister erhellen, Schöpfung ist seine Rede, aus verängsteten Herdentieren formt sie Menschen, Ketten zerreißt sie, knüpft von neuem das Band, das Volk mit Volk vereint. Von Mund zu Mund gehen seine Worte, fallen, unauslöschlicher Funken, auf entflammbaren Boden. Bebende Bürgerangst peitscht die Schutzleute vor: »Laßt diesen Mann nicht sprechen, seine Worte bedeuten Verderben für uns. Weh uns, wenn das Volk die Wahrheit erkennt. Schafft uns den Mann aus dem Weg!«

Die Polizisten drängen durch die Menge; da erhebt der Mann seine Stimme, tausend Stimmen aus allen Ländern klingen in dieser einen Stimme mit, Drohung, Prophezeiung, Weltgericht verkündet die Stimme: »Nieder mit dem Krieg! Nieder mit der Regierung!«

Zwei Schutzleute greifen ihn, er wehrt sich, wird fortgeschafft. Schreien, Johlen und Pfeifen schlägt gegen Häusermauern. Langsam zerstreut sich die Menge. Sie trägt die Worte mit heim, wird sie hüten und wahren, bis sie, zum Feuerstrahl werdend, in das morsche Gebäude hineinschlagen, das ihnen allen als Kerker dient.

Rohe Hände haben des Mannes Mund verschlossen, und doch fliegen seine Worte über die Grenzen, entflammen die Herzen der wenigen Getreuen in den anderen Ländern mit Freude und Hoffnung, treiben anderen, denen der Mut der Überzeugung fehlt, Schamröte ins Gesicht.

»Gott sei Dank, der ist unschädlich gemacht,« seufzen erleichtert die Bürger, »nun können wir unseren heiligen Krieg ungestört genießen; er hat ja doch auch seine guten Seiten.«

Gioia hat die Nachricht von Karl Liebknechts Verhaftung gebracht, bestürzt sitzt sie mit Johannes und Lene in der Wohnung der letzteren.

»Was nun?« fragt Johannes mit der alten Verzagtheit.

Gioia hat glühende Wangen und leuchtende Augen. »Doppelte Arbeit für uns; auch im Gefängnis bleibt er unser Führer, wirkt vielleicht noch mehr denn zuvor. Weißt Du nicht, was in den Meßgebeten der Märtyrer steht: »Das Blut der Märtyrer ist der Same der Kirche.« Die schwerste Arbeit ist getan, die Masse hat die Not erkannt, die sie umgibt, jetzt können auch kleine Leutchen wie wir, den Weg zur Wahrheit weisen.«

Lene drückt der Freundin Hand. »Du bist die Tapferste von uns, Gioia, verlierst nie den Mut.«

»Wenn Ihr ihn heute abend gesehen hättet!« rief die junge Frau begeistert. »Das war nicht ein Mensch wie die anderen, der da stand und sprach, war die Verkörperung aller Menschensehnsucht nach Freiheit und Gerechtigkeit, die Liebe aller Liebenden, und der Haß aller Hassenden. So lange ...« Sie stockt, draußen wird heftig geklingelt, Lene erhebt sich und tritt gleich darauf von Gustav gefolgt wieder ins Zimmer.