»Nun, so lassen Sie ihn gehen. Wir werden morgen Regen haben, das wird ihn abkühlen.«
»Er war schon zu Hause, als ich zu Ihnen ging,« antwortete Madame Hölty.
»Was, es ist ja kaum halb neun!«
»Ja, er war schon da. Die deutsche Dame hat ganz Recht – man muß nicht immer zu gut sein, man verwöhnt die Männer. Guten Abend, Madame Picard, – pflegen Sie sich recht – ich werde Ihnen durch Louise sagen lassen, wann ich meinen Thee gebe – nochmals guten Abend.«
»Guten Abend, Madame Hölty; ich danke Ihnen, daß Sie noch so spät gekommen sind.«
Ich muß hier ein Bekenntniß einschalten im Namen der deutschen Dame, die ich ziemlich genau kenne. Herr Hölty hatte nebst vielen andern angenehmen Eigenschaften auch die, fürchterlich zu schnarchen, und zwar um so toller, je später und – belebter er nach Hause kam. Da nun die Deutschen unmittelbar unter dem Höltyschen Doppellager schliefen, die Zimmer wirklich wahre Schmetterlingsschachteln und die Decken förmlich spinnwebdünn waren, so fand, wenn Herr Hölty in ganzen vollen Tönen schnarchte, die arme Deutsche es rein unmöglich, auch nur eine Stunde zu schlafen. Das war nun geradezu schrecklich, besonders da sie am Tage auch keine Ruhe hatte. Denn da ging Madame Hölty unaufhörlich mit knarrenden Schuhen über ihrem Kopfe herum, da sang Louise, da tobte Georges – es war schon im dritten Monat. Und Nachts sollte sie das Oberhaupt der Familie auch noch hören – das war ihr zu viel, und sie redete Madame gegen Monsieur auf, damit Monsieur, gehörig gescholten, früher und – weniger schlaftrunken heimkehren und nur in halben Tönen mit der Nachtigall Duette singen möge.
Herr Leon.
Und was war Herr Leon? Herr Leon war Herr Pellet, Sohn eines Vaters, der gestorben war, und einer Mutter, welche noch lebte; außerdem noch der Schwager seiner Schwägerin, die ihrerseits die Frau seines Bruders war. Der Vater war Advokat gewesen, die Mutter war Rentiere, Herr Leon hatte einen sehr kleinen Platz in der Beamtenwelt ausgefüllt und – füllte ihn nicht mehr aus, indem die Republik ihm für seine Dienste gedankt hatte. Man flüsterte sich zu, Herr Leon sei zu republikanisch gewesen – unsere kleine Geschichte spielt nämlich im Frühjahr Achtzehnhundertneunundvierzig, und man weiß, daß man da nirgends weniger republikanisch war als in Frankreich. Vielleicht mochte Herr Leon sogar ins Rothe geschillert haben – Madame Hölty wenigstens vertraute es der jungen Deutschen an, als diese Herrn Leon zufällig gesehen und aus Langeweile nach ihm gefragt hatte. »Und sein Bruder ist noch entschieden roth,« fuhr Madame Hölty fort, »zum großen Zorne der Mutter, welche ultraconservativ ist.« – »Das muß ein gutes Verhältniß zwischen Mutter und Söhnen abgeben,« bemerkte die Deutsche, Madame Hölty machte die Miene einer Wissenden. »Ich habe einen Auftritt mitangehört – Madame, Sie würden erschrocken sein, hätten Sie diese Mutter gesehen. Sie hatte Paris gleich nach der Februarrevolution verlassen und war nach Lyon gegangen; von da aus kam sie im Frühjahr hierher zu mir. Herr Leon besuchte sie auf vierzehn Tage. Da stritten sie sich einmal – sie war wie rasend. Sie warf ihrem Sohne vor, er so gut wie sein Bruder wäre im Stande, sie zu ermorden. Die Politik bringt furchtbare Spaltungen in den Familien hervor.« – »Wenn Herr Pellet unabhängig von seiner Mutter ist,« meinte die Deutsche. »Das ist es ja eben,« sprach Madame Hölty, die sich etwas damit zu wissen schien, in die Sorgen des jungen Parisers so eingeweiht zu sein. »Herr Leon und sein Bruder haben nur das Vermögen des Vaters bekommen – die Mutter ist Herrin des ihrigen. Und Herr Leon – wie die jungen Leute sind – hat fast Alles ausgegeben und ist nun noch dazu ohne Amt. Da muß er wohl die Mutter wieder zu versöhnen suchen – auch nimmt er sich ungemein in Acht – widerspricht ihr nie.« – »Das wird auf Kosten des Bruders geschehen,« sprach lachend die Deutsche. – »Was wollen Sie, Madame,« meinte Madame Hölty, »Jeder für sich. Herr Leon hat eine schwere Zeit bei seiner Mutter – da ist's billig, daß er belohnt werde.« »Sehr wahr – ich wünsche ihm, daß er seine Mutter ganz verstricken möge.«
Der Gegenstand dieses Gespräches ging unterdessen die Eaux-vives hinauf in die Stadt. Es war gegen zehn Uhr, aber schon so furchtbar heiß, wie es in Genf nur sein kann. Fühlte Herr Leon wirklich das Bedürfniß, einen Augenblick zu athmen, oder war's ein anderer Beweggrund, der ihn veranlaßte, einige Schritte von Paulinens Hause stehen zu bleiben und sich die Stirn abzutrocknen? Es war am Morgen nach dem großen Nervenzufall, Pauline eben aufgestanden. In einen Shawl gehüllt durch die halbgeöffnete Persienne blickend – zufällig, mein Himmel, so zufällig wie möglich, sah sie den jungen Pariser und wich mit einem Herzklopfen zurück, als wäre sie bei einer kleinen Sünde ertappt worden. Leon sah von der Seite nach dem Hause hinauf, konnte jedoch hinter der Persienne nichts entdecken. Pauline fühlte eine lebhafte Versuchung, die Persienne besser zu schließen, »damit es nicht so heiß hereinkomme.« Leon sah zwischen den grünen Brettchen eine ziemlich weiße Hand sich unruhig, fast ungeschickt bewegen – er wußte, daß er gesehen worden sei. Madame Hölty hatte heute erwähnt, wie sie seine Anwesenheit Paulinen mitgetheilt. Selbstzufrieden ging der junge Mann weiter.
Herr Leon war, wenn ich es denn offen sagen soll, ein Geck, wie es nur je einen gab. In Paris konnte er keine große Rolle spielen – er war eben nur Nachahmer von Nachahmern, hatte nur eine erwähnenswerthe Liebe gehabt mit der Tochter eines Generals, war mit einem Worte gänzlich unbedeutend. Als er im vorigen Jahre bei Madame Hölty wohnte, kam er so wenig in die gute Genfer Gesellschaft wie Madame Hölty hineinkam, und – die Wahrheit zu sagen, langweilte er sich gränzenlos in dem »Schooße der Familie,« wie Bulwer sagen würde. Da lernte er eines Abends bei dem Scheine des Mondes und der Glühwürmchen Madame Picard kennen. Sie war gerade nicht ausgezeichnet hübsch, sie war auch nicht besonders unterhaltend, aber neben Madame Hölty und in dem langweiligen Genf überhaupt war sie eine Erscheinung, und Herr Leon stellte sich so geblendet, als habe er eine neue Sonne entdeckt. Madame Picard war es wirklich. Gewiß ist es, ihr Name konnte überall mit Herrn Leon in die Schranken treten, und der Preis der bessern Haltung nicht allein, auch des hübschen Aeußern wäre ihm geworden. An Kenntnissen, an Charakter war Herr Picard gleichfalls der Ueberlegene – Leon wußte so gut wie gar Nichts und war an Charakter so gut wie Null. Aber – er war Pariser, sprach von der Oper und seinem Schicksal, von Kirchthurmrennen und innerlicher Einsamkeit, von Toiletten und der Liebenswürdigkeit Paulinens. Der kleine Roman war angefangen, und wenn er nicht fortgesetzt wurde, so lag das nicht an Leon, sondern an der Gelegenheit. Pauline hatte keinen Salon, Leon durfte selbst nicht wagen, ihr sogleich einen Morgenbesuch zu machen. Ein Brief seines Bruders, bezüglich auf die Plane ihrer Partei, rief ihn unvermuthet zurück; er reis'te ab, ohne Pauline öfter als zwei Mal gesehen zu haben. In Paris vergaß er ihrer bald ganz – Pauline dachte seiner um so eifriger – es war der erste Mann, welcher sich ihr als Anbeter genähert. In Genf giebt es keine Anbeter für Frauen: die Seltenheit gab Leon einen unberechenbaren Werth. So oft Herr Picard als Ehemann sprach, dachte Pauline an Leon und sagte sich: »er würde nicht so sprechen.« Es ist der beste Beweis für Paulinens Unverdorbenheit, daß sie diese erste kleine Koketterie so ungemein ernsthaft nahm, doch konnte auch eben darum Gefahr in einem Wiedersehen Leons liegen. Er für sein Theil erinnerte sich der hübschen Waadtländerin erst wieder, als er sich drei Abende nach einander mit seiner Mutter und ihren Freunden aus Lyon bei Whist und Zuckerwasser gelangweilt hatte.