Die Abendgesellschaft.
Der große Tag kam. Madame Hölty machte im Salon ein mächtiges Geräusch. Der Sopha wurde ganz anders gestellt, neben die zweite Thür, welche unmittelbar in den Garten führte. Die Deutsche, welche in ihrem Stübchen oben das Gerassel der Vorbereitungen gehört, kam herunter und gab ihr Wort dazu. Zwei Lehnsessel waren vorhanden; sie ließ sie von der Wand an den runden Tisch vor den Sopha rücken. Es ist in Genf Sitte, daß besagter runder Tisch mit Büchern geschmückt werde, und zwar in der Art, daß die Bücher gleich Radien eines Kreises liegen. Auch hier war es der Fall; alle Bücher Louisens waren ausgebreitet. Die Deutsche meinte, das passe nicht zu einer Soirée. Madame Hölty sah kläglich aus; im ganzen Hause gab es keine andere Bücher. Die Deutsche entschloß sich kurz, holte aus der Reisebibliothek ihres Mannes eine Menge Sprachlehren und Wörterbücher und garnirte damit den Tisch. Die Kinderbücher wurden in eine Ecke einquartirt neben einem schadhaften Damenspiel und einem ehemals eleganten Kästchen, und der Salon hatte auf einmal eine ganz eigene Physiognomie, ein gewisses »capables Ansehen« angenommen.
Der Mittag ging wie gewöhnlich des Sonntags vorüber – die Genfer lobten Gott, indem sie in Paquis knatternd nach der Scheibe schossen, Herr Hölty hatte am frühen Morgen Fische gefangen, welche nebst Rindfleisch und einem Kuchen das Diner ausmachten. Die Kinder aßen den Gästen mehr fort, als diesen lieb war, der Hund bettelte am Fenster und bekam Nichts – es war, wie es schon sechs oder sieben Mal gewesen war. Aber am Abend sollte es anders sein.
»Madame Picard wird wohl etwas früher kommen, um den Abend im Garten genießen zu können,« sagte Madame Hölty.
»Wer kommt noch außer Madame Picard?« fragte die Deutsche. Die Engländerin konnte kein Wort Französisch, folglich auch keine Frage thun. »Kommt Herr Picard auch?« fragte die Deutsche.
Nein, Herr Picard war auf einer Reise, es kamen außer Madame Pellet und Herrn Leon nur noch ein Ehepaar aus Lyon und die Nichte der Madame Hölty, »die ein Stück spielen solle«.
Die Deutsche lachte über die ungemein glänzende Versammlung.
Ein Herz schlug dieser Gesellschaft doch entgegen, so lächerlich klein sie auch war. Pauline aß kaum Etwas zu Mittag. Die Kinder wurden gescholten, die Bonne bekam Verweise. Pauline war fieberhaft erregt, hatte Kopfweh. Ob sie nicht lieber absagen sollte? Am Ende – eine Soirée bei Madame Hölty – Gott, man wußte ja, wie langweilig das war. Allerdings, heute waren Fremde da. Von der Deutschen hatte Pauline schon viel gehört. Der Mann sollte noch jung und sehr angenehm, die Frau eine gute Sängerin sein. Dann die Engländer – Pauline mochte Engländer leiden, sie waren meistens originell, »und etwas Originalität thut einem in Genf von Zeit zu Zeit Noth,« seufzte Pauline. Ja, der Fremden wegen wollte sie gehen. Und so – mußte sie sich anziehen.
Welches Kleid? Putzen konnte man sich nicht gut, aber elegant mußte man doch auch aussehen. Die beiden Fremden würden sich gewiß sehr schön machen. Pauline entschied sich für ein schwarzseidenes Kleid, eine elegante Collerette, eine nelkenrothe Cravatte. Ein schwarzes Tuch um den Kopf wurde nicht vergessen, ein Ueberwurf angezogen, welcher den Wuchs gut hervorhob, dann der Hut aufgesetzt – Pauline wußte nicht, wie sehr er sie entstellte, und hätte sie es auch gewußt, man kann doch in einer Vorstadt von Genf nicht ohne Hut gehen. Pauline rief den Zwillingen, welche Georges die Freunde Picard nannte, übergab Emil der Bonne, warf nachlässig hin, sie werde bald wiederkommen, nahm den Sonnenschirm in die Hand und das gleichgültige Gesicht an und begab sich comme il faut zu Madame Hölty.
Georges nahm am Gartenthor die Zwillinge in Empfang; Louise, im weißen Kleide mit blauer Schürze, eilte den Gang hinauf, wo die Mutter mit der Deutschen war. Madame Hölty stellte »ihre Freundin« vor. Madame Picard erschrak – die Deutsche hatte weder Hut noch Handschuhe. Auf eine sehr faselige Art freute sie sich, die Bekanntschaft Paulinens zu machen, versicherte dann, sie könne unmöglich den schönen Abend vorbeigehen lassen, ohne sich noch etwas zu rudern und lief an den See, wo ihr Mann bereits einen Kahn losgemacht hatte. Madame Hölty führte Pauline an die Gartenmauer, und sie sahen, wie das Ehepaar lustig in den klaren See und in die laue Luft hinausruderte. »Das ist alle Abend ihr Vergnügen,« sagte Madame Hölty, »wird sie müde, so rudert er allein – nie fast fahren sie mit Jemand sonst. Und das dort ist der Engländer, der fährt seine Frau auch.« Pauline folgte den leichten Barken, deren jede ein allem Anschein nach vollkommen glückliches Paar trug, mit dem Blicke eines stillen Neides. Warum konnte sie nicht auch so fahren, gerudert von einem Manne, der sie anbetete, gleichsam Königin in der Schönheit dieses Abends? Eine Erbitterung gegen ihren Mann ergriff sie, wie sie noch nie empfunden – »an ihm rächen möcht' ich mich,« dachte sie. »Madame, wie glücklich bin ich, Sie wiederzusehen,« sagte eine Stimme hinter ihr. Erröthet wandte sie sich um. Leon Pellet stand da und begrüßte sie mit ausdrucksvollem Blicke. Er hatte kein schönes Organ, aber er sprach in reinem Französisch, und Pauline glaubte, eine Bewegung in seinem Tone zu errathen. Er hatte auch kein schönes Auge, – es war stechend und bisweilen selbst zweideutig im Ausdrucke, aber er heftete es fest auf Pauline, und sie bedurfte es in diesem Augenblicke so sehr, bewundernd angesehen zu werden. So dünkten denn Auge und Stimme ihr liebenswürdig, ja, sogar bestechend.