Leon war mit seiner Mutter gekommen – er war jetzt ein so guter Sohn, daß er seine Mutter nie ohne die Stütze seines Armes gehen ließ. Aber die alte Dame spazierte mit Madame Hölty in einiger Entfernung auf und ab, und Pauline fand sich nicht veranlaßt, die ersten Schritte ihr entgegenzuthun. Sie setzte sich vielmehr auf eine grüne Bank, die zwischen Rosen stand. Leon stützte sich auf die Lehne. Pauline athmete laut auf – sie hatte jetzt auch einen Mann neben sich, der nur auf sie sah, nur mit ihr redete. Allerdings war es nicht der ihrige, aber – man kann nicht immer Alles haben.

Sie sprachen. Die Unterhaltung, welche Leon mit ihr führte – es bedurfte keiner Genferin, um sie zu führen, wenn nämlich die Genferinnen sich wirklich durch größeren Ernst und tieferen Gehalt auszeichnen sollten. Der See war das Thema, das uralte und alltägliche Thema, welches zum tausendsten Male in derselben Art abgehandelt und abgewandelt wurde. Der See war schön, wer wollte es läugnen? Das Gartengestade drüben lag in prächtiger Dunkelheit auf dem violetduftigen Jura. Die Stadt links, beherrscht von der zweithürmigen Kathedrale, war kraftvoll in die gelbliche Glorie des Himmels gemalt. Rechts hin – wie lieblich verliefen nicht die Linien des Sees in die des Joral, und die Umrisse des Joral in den rosigen Osten! Und die vielen Fahrzeuge, welche auf der spiegelhellen Glätte in die Abendröthe schifften, rascher, langsamer, gewaltsam, ruhig, bald mit blähendem Segel, bald blos mit flatternden Wimpeln, gerudert von zwei, vier, sechs, acht Rudern. Ja, der Abend auf dem See war schön, aber um das zu empfinden, brauchte man blos eine Seele, um es zu sehen, nur zwei gesunde Augen.

Pauline ließ die ihren melancholisch einer kleinen Peniche folgen, worin eine Frau saß, während zwei Männer ruderten. »Ich möchte wohl,« ließ sie fallen und hielt inne. –

»Auch so fahren?« fragte Leon. »Ja, diese Beweglichkeit lockt an – man möchte sich hineinmischen. Haben Sie keinen Kahn? Ich würde Sie mit Vergnügen fahren.«

»Mein Mann liebt Wasserfahrten nicht,« erwiederte Pauline. »Für mich ist es eine Erinnerung an meinen heimathlichen See.«

»Ist der so schön wie dieser?« lispelte Leon.

»Für mich schöner. Doch natürlich heißt das mit den Augen des Herzens sehen.«

»Das beste Sehen, das richtigste.«

»Nicht immer.«

»Doch. Sobald Sie eine Person auf diese Art sehen, werden Sie ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen.« Ein Blick gab dieser Redensart ihre Anwendung.