»Die Conservativen sind Schöpse!« rief Pauline wieder.
»So verdienen sie geschoren zu werden,« sagte Leon. »Aber, Madame, um Himmelswillen, wie leidenschaftlich sind Sie in der Politik!« Es ärgerte ihn, daß sie in der Politik nicht so kühl Maaß hielt wie in der Koketterie. Er wurde einsylbig, zerstreut. Umsonst setzte Pauline, nachdem sie die Lyonneser begrüßt, den Spaziergang fort, umsonst fing der Mond an zu scheinen, umsonst duftete das Geißblatt – Leon blieb fremd. Pauline wurde dagegen lebhafter, sie wollte ihn wieder so haben, wie er eben gewesen war. Ganz ausschließlich mit ihm beschäftigt, kam sie endlich in den Salon und wies ihm einen Stuhl neben dem ihrigen an. Leon setzte sich und betrachtete den Fußboden. »Was ist Ihnen?« fragte Pauline leise. »Nichts,« antwortete er mit einem sehr geschickt modulirten Tone. Pauline hörte Empfindlichkeit über ihre Zurückhaltung, dabei Trauer, unterdrückte Leidenschaftlichkeit heraus. Sie glaubte wirklich Leons Herz erfaßt zu haben und nach Gefallen schmerzhaft oder freudig erschüttern zu können. Gerührt ließ sie ihre Augen ihm allerlei Versicherungen der Milde und Güte ertheilen. In diesem Augenblicke traten die Fremden ein, die Deutsche zuerst, dann die Engländer. Madame Hölty verstand nicht, die Wirthin zu machen; sie stellte die Fremden der Gesellschaft, aber nicht diese jenen vor. Die Engländerin setzte sich bequem hin und ließ sich von ihrem Manne unterhalten; die Deutsche tauschte mit dem ihrigen flüsternd Bemerkungen aus. Auf Pauline und Leon deutend, sagte sie: »Ich glaube, das ist das Ehepaar aus Lyon.« Sie erkannte, kurzsichtig wie sie war, Pauline ohne Hut nicht wieder. »Nur sieht der Mann wie der Pariser aus,« wandte der Deutsche ein. – »Ja, aber der Pariser ist nicht verheirathet. Nein, nein, das sind Herr und Madame Caille oder wie sie heißen, aus Lyon, und Herr Pellet ist der junge Mann dort oben.« Zu gleicher Zeit flüsterte die Engländerin gegen ihren Mann: »Das ist ein hübsches Gesicht – ihr Mann scheint sie sehr zu lieben.« Pauline gehabte sich auch wirklich wie eine nicht lange verheirathete Frau; Leon neben ihr hatte ganz das stille Wesen eines zufriedenen, aber gehaltenen Ehemannes – man konnte nicht anders als Beide für verheirathet annehmen. Die Deutsche fragte Madame Hölty, die eben vorbeikam, wie lange sie es wären. Madame Hölty lächelte. »Das – aber das sind ja –« und die Erklärungen. Die Deutsche lachte. »Dann ist's eine hübsche kleine Courmacherei.« – »Ja wohl – wir haben es schon voriges Jahr bemerkt, und mein Mann war sehr unzufrieden damit.« Die Deutsche blickte Madame Hölty einen Augenblick scharf an.
Pauline kam jetzt zu der Deutschen und bat und hoffte, sie möchte und würde sich doch hören lassen. »Nach Ihnen, Madame,« antwortete die Deutsche. »O, ich, Madame!« Alle kleinen nöthigen Weigerungen erfolgten, dann setzte Pauline sich an den Flügel, ließ ihr Tuch flattern, ihre Schultern arbeiten, ihre Augen spielen und ihre Walzer hören. Leon hatte ihr Aufstehen eilends benutzt, um sich in den Eßsaal zu begeben und mit Herrn Hölty einige Gläser Wein zu nehmen; als er darin befriedigt war, kam er geräuschlos wieder und setzte sich auf den Sopha. Pauline ließ, da sie ihn nicht erreichen konnte, einige Augenblitze zu dem Deutschen und dem Engländer fliegen, die beide näher saßen. Leon bemerkte es und machte sich innerlich lustig über die verlorene Koketterie, denn beide Männer schienen mit Kaltblütigkeit wahrhaft gepanzert. Und doch war Pauline bei Weitem hübscher als die Deutsche und die Engländerin, aber beide Frauen gaben sich keine Mühe, und Leon fand sie auf einmal weit mehr der seinigen werth. Mit der Engländerin konnte er nicht sprechen, da sie nicht seine, er nicht ihre Sprache verstand; blieb also die Deutsche. Sie sang jetzt, Melodien in vier oder fünf Sprachen. Pauline, welche befürchtete, die Aufmerksamkeit könne sich ausschließlich auf den Gesang wenden, bewegte sich mit ihrer hübschen Gestalt unaufhörlich bald da, bald dort. Vor Leon stand sie mehrmals; seine Mutter machte ihr Platz, sie setzte sich neben ihn. Sie hatte jetzt die Besonnenheit verloren und that alles Mögliche, um sich »zu affichiren.« Leon war ungemein »Löwe,« d. h. erhaben und gelassen. Nachdem er Paulinens Lebhaftigkeit eine Zeit lang ertragen, stand er auf und nahm einen Stuhl neben der Deutschen, die eben heimlich mit der Engländerin plauderte. Sie sah ihn kommen und belustigte sich über Paulinens sichtliche Unruhe. Die hübsche Waadtländerin wußte erst gar nicht, was sie machen sollte; dann lockte sie den Deutschen an den Flügel und brachte ihn dazu, eine unserer schönsten Compositionen zu spielen, wobei die Gesellschaft sich über alle Maßen langweilte. Leon saß immer geduldig da und wartete auf die Gelegenheit, sich liebenswürdig zu zeigen. Endlich war die gute Musik aus, Pauline ließ ihre Beredtsamkeit über den Deutschen ergehen, Leon wandte sich entschieden zu seiner Nachbarin und flüsterte ihr in den weichsten Tönen seine Bewunderung über ihren Gesang zu. Pauline flatterte wie ein Vogel über Kohlen – die Deutsche sah es und ging, boshaft genug, in ein Gespräch mit Leon ein. Pauline überredete den Deutschen, eines ihrer Walzerhefte dazubehalten – es knüpfte sich so eine Bekanntschaft an, – die Deutsche erhob sich, um auf Leons Bitte ein venetianisches Gondellied zu singen. Die arme Pauline – sie allein war bei diesem Spiel ernsthaft; Leon wünschte, eben so sehr wie ihr, der Deutschen zu gefallen – diese lachte innerlich herzlich, ebenso ihr Mann. Die Koketterie ist wie das Feuer; man verbrennt sich, wenn man damit spielen will. Pauline ward ganz verwirrt, ganz beängstigt; ihr war, als gehöre Leon ihr, als müsse sie alle ihre Kräfte anstrengen, um ihn festzuhalten. Mehr und mehr gab sie sich ihrer Aufregung hin und der ganzen Gesellschaft ein ergötzliches Schauspiel. Erst als der Aufbruch da war, beruhigte ihre aufgescheuchte Eigenliebe sich in Etwas; sie sah sich wieder als den Punkt, auf den Aller Augen sich hefteten. Der Engländer half ihr den Ueberwurf anziehen, der Deutsche dankte ihr für die Noten, Leon stand bereit, ihr den Arm zu bieten. Wenigstens einigermaßen beschwichtigt trat sie hinaus in die schöne Nacht.
Beim Nachhauseführen.
Die beiden Häuser lagen, eines am Anfang, das andere am Ende der Eaux-vives. Eine Viertelstunde war's wohl von einem zum andern, besonders wenn man langsam ging. Das wollte die Gesellschaft, denn der Abend war köstlich. An Sommerabenden versetzt Genf wirklich in den Süden. Nicht wie am Tage entbehrte man den Schatten der im Frühjahr behauenen Platanen. Es war so spät, daß die Straße einsam war. Zu beiden Seiten dufteten die Gärten der Campagnen und kleineren Besitzungen. Auch aus diesen Düften hauchte etwas Südliches Beschleunigung in das Blut. Der Mond leuchtete.
Welch eine Stunde zu einer verschleierten Erklärung! Pauline ging, tief athmend vor Erwartung, an Leons Arm. Daß Herr Hölty, mit ihren Noten unter dem Arme, als selbstbestellter Ehrenhüter seines Freundes und Principals an ihrer rechten Seite trabte, störte sie wohl etwas, beunruhigte sie aber nicht. Der Mann verstand ja nicht, was sie mit Leon sprechen konnte. Sie wandte ihr Gesicht zu Leon; er sah sie ernsthaft an und sprach kein Wort.
Wollte er so die Zeit verstreichen lassen? Wann sahen sie sich dann wieder? Es konnte ja nur zufällig sein. Pauline wurde ungeduldig und sprach so kokett, wie sie ihres Wächters wegen nur konnte. »Sie haben sich viel mit der deutschen Dame unterhalten. Spricht sie gut?«
»Das Französisch schlecht aus, sonst gut,« erwiederte Leon gehalten. Er sah Pauline ankommen.
»Lieben Sie es, mit deutschen Frauen zu sprechen?« fuhr Pauline unruhiger fort.
»Sie sind tief im Gefühl,« sagte Leon mit einem gewissen Nachdruck.