Pauline triumphirte, und sie hatte ein Recht dazu – Leon war in dieser Minute wirklich verliebt. Gern wäre er mit Paulinen wieder am Rande des See's gewesen, gern hätte er vor Allem die Begleitung seines Freundes Hölty entbehrt. Aber Hölty wich nicht von der Seite der hübschen Frau und der – war es jetzt ganz erwünscht, – sie fürchtete sich beinah etwas vor Leon. Er kam bald dazu, den unbequemen Wächter zu verwünschen. »Kann man unleidlicher sein?« flüsterte er Paulinen zu. Da kamen sie an das Picard'sche Haus. Hölty öffnete die Gartenthür. »Wann darf ich morgen kommen?« fragte Leon rasch und leise. Pauline entzog ihm ihren Arm, sah plötzlich wie eine Siegerin auf den Versucher. »Morgen bin ich noch allein und nehme keine Besuche an,« sprach sie gezwungen. »Von übermorgen an ist Herr Picard jeden Abend um sieben Uhr zu Hause – da wird er sich ausnehmend freuen.« – »Sie sind ausnehmend gütig, Madame,« erwiederte Leon, sich verbeugend. Pauline grüßte fürstingleich, nahm von den Uebrigen ebenfalls einen vornehmen Abschied. Sie glaubte, Leon gegenüber eine Stellung eingenommen zu haben, die Stellung der angebeteten Gebieterin gegen den gedemüthigten Sklaven. Sie irrte. Leon verschluckte allerdings einen nicht geringen Aerger, aber er ärgerte sich nicht über eine Minute. Als Herr Hölty Madame Pellet und der Lyonneser Familie gute Nacht gewünscht und seinem Hunde gepfiffen hatte, um mit ihm noch etwas spazieren zu laufen, hatte Leon sich schon wieder gefaßt, bot, kühl wie eine Gurke, seiner Mutter den Arm und führte sie mit der größten Liebenswürdigkeit in die Stadt zurück.

Ungewißheit.

»Ich werde das Madame Picard doch sagen,« sprach am Morgen nach der Abendgesellschaft Madame Hölty in ihrem Garten, wo sie die Deutsche abgefangen hatte.

»Thun Sie es nicht,« sagte die Deutsche. »Sie würde sich dadurch geschmeichelt fühlen, so wenig schmeichelhaft es eigentlich auch für sie ist. Thun Sie, als bemerkten Sie diese kleine Thorheit gar nicht, dann vergißt Madame Picard sie von selbst. Sie beachten heißt sie befördern.«

»Glauben Sie, Madame?« fragte Madame Hölty. Eine Stunde später stand sie am Gitter von Paulinens Garten. »Und wie geht es Ihnen, Madame Picard? Haben Sie gut geschlafen? A propos, denken Sie sich, gestern hat man Sie und Herrn Leon für ein Ehepaar gehalten!« – »Ist es möglich? Wer, wer denn?« – »Wer denn anders als die Deutschen und die Engländer. Das ist sonderbar, nicht wahr?« – »Unbegreiflich,« sagte Pauline, ganz roth vor Freude.

»Ein Beweis, wie sehr Herr Leon Ihnen gehuldigt,« bemerkte schmeichlerisch die wahre Freundin. »Nur müssen Sie es ihn nicht zu arg machen lassen – denken Sie, wenn Herr Picard –«

»Ich weise Herrn Pellet schon in seine Schranken zurück,« sprach Pauline stolz. »Allerdings, er würde zu weit gehen – ich weiß nicht, was ihn zu mir zieht, vermuthlich die Langeweile.« Pauline lächelte hier – man sah, daß sie sich selbst kein Wort glaubte; aber wieder einen hohen Ernst annehmend, fuhr sie fort: »Er soll indessen sehen, daß ich keine Pariserin bin; er soll andere Grundsätze kennen lernen, als die leichten, welche er bisher einzig unserm Geschlechte zugetraut. Ich will ihn nöthigen, die Frauen in mir zu achten. Denken Sie, was ich Ihnen vorhin schon sagen wollte – er hat mich gefragt, wann ich ihn annehmen könnte. Ich habe ihm geantwortet –« und Pauline erzählte, was sie geantwortet. Madame Hölty war voll Bewunderung. »Das wird ihn getroffen haben,« sagte sie.

Nachmittags theilte sie der Deutschen getreulich den Hergang mit. »Also haben Sie es doch nicht verschweigen können,« sagte die Deutsche lachend. »Daß Herr Pellet übrigens um Erlaubniß zu einem Besuche gebeten hat, ist das Wenigste, was er thun konnte; Madame Picard kann nach ihrem gestrigen Betragen noch froh sein, wenn sie kein Billet von ihm bekommt.« – »Meinen Sie, Madame?« – »Allerdings.«

»Der guten Hölty würde ich in Stelle der Madame Pellet nicht trauen,« bemerkte die Deutsche gegen ihren Mann und den Engländer.

»Was soll sie denn der alten Madame Pellet thun?« fragte der Deutsche.