»Ja,« sagte die Deutsche anmaßend, »in der Schweiz giebt es keine Romantik.« Sie sagte das mit der vollkommensten Ueberzeugung.
Madame Hölty, die sich nicht träumen ließ, wie gut sie errathen worden, befand sich unterdessen zum zweiten Male vor dem Stacketenzaun am Picardschen Garten.
»Die deutsche Dame sagt, sie würde sich gar nicht wundern, wenn Herr Leon Ihnen noch heute die glühendste Liebeserklärung schriebe.«
»Ach,« antwortete Pauline mit schlecht unterdrücktem Entzücken, »die Deutschen sehen Alles mit poetischen Augen an. Herr Leon denkt nicht daran, mir eine Erklärung zu schreiben – überdies würde ich sie auch ungelesen zurückschicken,« setzte sie, sich auf ihre Würde besinnend, feierlich hinzu.
Der ächten weiblichen Logik nach wartete Pauline den ganzen Abend, sowie den ganzen nächsten Morgen über auf einen glühenden Brief von Leon. Es kam kein Blättchen, wohl aber um Mittag Herr Picard.
Seine Frau gab ihm kaum die Hand. Obgleich Genfer, fand er diesen Empfang doch zu kalt – es gab eine Scene, nur machte dieses Mal Monsieur die Vorwürfe. Pauline fand keine Zeit, darauf stolz zu werden – die kommen sollende Liebeserklärung ging ihr im Kopfe herum. Sie kam immer noch nicht. Dagegen am Dienstag Abend Leon in eigener Person, aber nur, um mit seiner Mutter am Arm vorüber und zu Madame Hölty zu gehen.
Das machte Pauline ungeduldig, regte sie auf. Wollte er die Deutsche wieder singen hören? Pauline hätte sich deßwegen beruhigen können, die Deutsche sang nicht, aber Leons Mutter fand Geschmack an ihrer Unterhaltung, und noch zweimal in dieser Woche sah Pauline den jungen Pariser vorbeigehen, immer fein spießbürgerlich die Mutter führend. Da sie das Warum dieser Besuche nicht wußte, verlor sie sich in den allerfalschesten Vermuthungen. Die gelassene kleine Engländerin sogar blieb nicht frei. Pauline hielt nun einmal Leon für unwiderstehlich und glaubte, beiläufig gesagt, auch nicht an Frauen ohne Koketterie.
Warum machte Pauline denn nicht kurz und gut einen Besuch und sah, wie die Sachen standen? Sie schämte sich ganz im Geheimen vor den beiden Frauen, die sie so naiv für Leons Gattin gehalten. Und warum erkundigte sie sich denn nicht bei Madame Hölty? O, Madame Hölty hatte jetzt so viel zu thun mit Wäsche für ihren Mann, mit Blousen für Georges und Kleidern für Louise! Madame Hölty wußte recht gut, daß Pauline neugierig sein würde, darum hütete sie sich wohlweislich zu kommen.
Der Deutsche machte endlich einen Besuch, um die ihm geliehenen Noten zurückzubringen. Pauline sprach während der Stunde, die sie ihn festhielt, außer von sich, nur von Leon. Der Deutsche half ihr indessen auf keine Spur; er lobte Herrn Pellet als einen sehr angenehmen Mann, wunderte sich, daß er roth gewesen sein sollte, stimmte völlig Paulinens politischen Kraftmeinungen bei, half ihr aber, wie schon gesagt, auch nicht zu dem kleinsten Faden, der sie in dem Labyrinth von Leons völligem Schweigen leiten konnte. Nur das erfuhr sie von ihm, daß seine Frau noch nicht wieder gesungen habe.