»Haben Sie nie werthlose Dinge sehr theuer bezahlt?« fragte sie kalt.

»So ist Herr – Herr –«

Sie souflirte mir seinen Namen, den ich nicht wußte. Wenn meine Mutter die Geschichte erzählte, sagte sie immer blos: »und so ein Candidat!«

»Sie sagen mir also, daß Herr W. Ihrer unwerth sei?«

Sie zögerte einen Augenblick. Dann sprach sie, als mache sie ein erhabenes Zugeständniß: »Vielleicht ist er's nicht mehr geworden, als er von Anfang an war, aber ob er's immer war«, setzte sie stolz hinzu, »wenn Sie ihn gesehen haben, werden Sie mich's nicht mehr fragen.«

»Ich will gern glauben, daß er ein unverdientes Glück gehabt,« sagte ich; »aber, gnädigste Frau, wenn Sie das so gut wußten, warum da –«

Sie sah mich an – ihre ganze Gestalt zitterte vor Zorn. »Und Sie muß ich um Hülfe bitten,« sprach sie langsam; »Es geschieht mir Recht.«

Ich saß stumm, verlegen. Kein gutes Wort wollte über meine Lippen. Nie hatte ich mich so vollkommen abgestoßen gefühlt. Ich, der ich eine fast lächerliche Scheu davor habe, Jemand wer es auch sei, zu beleidigen, ich hätte dieser Frau am liebsten die herbsten Dinge gesagt. Und was hatte sie gethan? Ueber ihren Fehltritt mit ihr zu rechten, fiel mir nicht ein. Sie empfing mich in ihrer Hütte, die übrigens auch inwendig um einige Grade bequemer war, als die andern – sie empfing mich wie in einem Salon – das machte, sie hatte sich das Bewußtsein ihrer Kaste erhalten, und in einer solchen Umgebung bewies das wahrlich einen ungewöhnlichen Charakter. Daß sie verächtlich von dem Manne sprach, dem sie sich hingegeben – vielleicht konnte er kein dauerndes Gefühl einflößen, vielleicht war er ein ordinairer Mensch, was in einer tragischen Situation doppelt unerträglich ist. Was war's denn also, was mich an ihr störte, mich hart gegen sie stimmte? Plötzlich fiel es mir ein – sie hatte noch nicht nach ihren Kindern gefragt. Das war es gewesen, worauf ich gewartet, was ich vermißt.

»Gnädige Frau,« sagte ich, »wenn Sie von mir länger keine Hülfe begehren wollen – ich kenne Ihre Tochter, Frau von M., sehr genau. Sie ist ein edles, liebes Wesen, und ich weiß, daß sie oft um ihre Mutter geweint hat. Schreiben Sie ihr – ich werde den Brief besorgen – Sie werden mir dann für Nichts zu danken haben, als eben für einen besorgten Brief. Was meinen Sie?«

Ich hoffte jetzt auf einige wenige Rührung, oder doch mindestens auf etwas Affekt. Täuschung. Ihre Miene veränderte sich nicht. Mit derselben finstern Bitterheit, die seit dem Beginne des Gespräches um ihren Mund gelegen, erwiederte sie: »Glauben Sie, daß ich mich an meine Tochter wenden will? Daß ich geneigt bin, vor einem edlen Wesen, wie Sie sie nennen, als reuige Sünderin, als arme Bettlerin zu erscheinen? Nein, wahrlich nicht, so lange ich noch meine Sinne habe. Ich bitte Sie, diese Erniedrigung! das wäre ärger, als gebrandmarkt am Pranger zu stehen.«