»Ich weiß«, unterbrach sie mich. »Er starb bereits vor sechs Jahren. Damals las ich noch Zeitungen – so erfuhr ich's. Es war ein braver, rechtlicher Mann.«

»Da Sie nun frei sind,« fing ich nach einigem Schweigen wieder an, »wollten Sie nicht –«

»Mich etwa noch trauen lassen, die Frau dieses Menschen werden, der mich – nachdem ich –« Sie machte eine Geberde des Abscheues, wenn nicht des Ekels.

»Aber Sie müssen ihn doch geliebt haben – sollte denn nicht ein Gefühl mehr –«

»Weiß ich, ob ich ihn je geliebt habe? Ob ich nicht blos aus Langeweile auf dem Lande –« ich sah, sie verachtete sich. Vielleicht aber verläumdete sie sich auch. Ich sagt' es ihr; sie sagte ungeduldig und gereizt: »Möglich, möglich, kann sein – es ist so lange her. Aber jetzt ist's ja auch einerlei, warum ich es that, jetzt handelt es sich nur darum, daß ich frei werde. Verschaffen Sie mir eine Stelle als Ausgeberin, als Verwalterin irgend eines Hauswesens, als Unterlehrerin irgend einer Schule. Ich habe zwar furchtbar viel vergessen, in diesen entsetzlichen Jahren, aber so viel werd' ich doch noch wissen.«

»Und was soll aus Herrn W. werden?«

»Befördern Sie ihn auch nach Amerika. Sie haben ja schon zwei bis drei Subjecte hingeschickt – eines mehr wird ihre Großmuth nicht erschöpfen, nicht wahr? Für mich nur Arbeit und Freiheit vor ihm.«

»Wird er wollen?«

»Behüte,« sagte sie, die Schultern zuckend, »er liebt mich noch. Begreifen Sie das – nach zwanzig Jahren!«

»Aber dann ist's ja entsetzlich, daß Sie ihn verlassen wollen,« rief ich heftig.