»Wie?« fragte sie und in ihrem Auge hätte man Bände lesen können, »wie?« Sie schien sich sammeln zu wollen, um ihr Dasein, wie es hier gewesen, ein Mal mit aller Kraft aussprechen zu wollen – dann gab sie den Gedanken plötzlich auf und sagte nur: »nun, wie man als Heimathlose lebt.«
Ich betrachtete sie durchdringend und dieses Mal nicht ohne eine Art Antheil. Wenn sie durch diese Prüfung auch nicht geläutert worden, sie hatte sie doch überdauert, das war immer schon viel von einer Frau, verwöhnt, wie sie gewiß gewesen war, heftig, herrisch von Natur, wie sie sich zeigte. »Wie haben Sie's nur gemacht, um sich so zu beugen?« fragte ich zögernd.
»Ich wollt's,« sprach sie, »und nun will ich's nicht mehr. Damit ist Alles gesagt. Doch was wollten Sie mit dem Buche, dessen Sie gedachten – die Geheimnisse, oder wie hieß es?«
»Darin wird der Glaube durchgeführt,« erwiederte ich, »die Seele könne sich mitten in der größten Verderbniß rein erhalten, eine weiße Nymphäa aus einem Pfuhl blühen. Diese Idee ist aus diesem Buche in die ganze Literatur übergegangen, oder nein, sie war wohl schon früher vorhanden und ist nur in diesem Buche am ausgeprägtesten dargestellt. Lies't man es, lies't man die Romane, welche dasselbe darstellen, so möchte man beinah glauben, eine Frau müsse, um tugendhaft zu werden, erst Ehebrecherin sein, ein Mädchen erst fallen, um die Unschuld zu kennen. Das ist nun aber gar nicht meine Ansicht. Ich habe nie etwas von dieser Apotheose der Untreue, dieser Verklärung der Courtisane hören wollen. Meine Ueberzeugung ist, wer äußerlich fällt, fällt auch innerlich. Sie, gnädige Frau, sind jetzt gewiß eben so wenig noch das, was Sie in Ihrem Hause, als die Mutter Ihrer Kinder und der Gegenstand der allgemeinen Achtung waren, wie ein verführtes Mädchen noch schuldlos ist. Sie sind so gewohnt, Ihrer jetzigen Weise nach zu empfinden, daß Sie sich nicht mehr besinnen, je anders gefühlt zu haben; aber ich wollte meine Hand darauf geben – Sie haben anders gefühlt.«
»Und wie?« fragte sie nicht ohne Erschütterung.
»Nicht so versöhnungslos, nicht so eiskalt, nicht so –«
Sie unterbrach mich wieder. »Was Sie sein Advokat sind!«
»Nicht seiner allein, auch der Ihrige. Was wollen Sie anfangen allein in der Welt?«
»Besser tausend Mal allein sein, als länger mit ihm zusammen.«
»So denken Sie jetzt, aber Sie haben es noch nicht versucht. Wenn Sie erst wissen werden, daß in dem Gewirre der Welt kein Herz mehr nach Ihnen frägt, wenn Sie Niemand mehr haben, um sich lieben zu lassen, kein anhänglich Geschöpf mehr, um es zu mißhandeln –«