»Dazu brauch' ich ihn wahrlich nicht. Mißhandeln ist mir kein Bedürfniß.«

»Doch, gnädige Frau, Charaktere wie der Ihrige brauchen das gar sehr.«

»Ich kaufe mir einen Hund,« sagte sie bitter-humoristisch.

»Der beißt Sie,« antwortete ich.

Sie sah mich eine Weile an. »Wenn ich nicht das Lachen verlernt hätte, würd' ich lachen. Was sind Sie eigentlich? Können Sie etwas ernstlich wollen – haben Sie mich zum Besten? Antworten Sie mir – es ängstigt mich jetzt, Sie zu sehen; was wir gesprochen, kommt mir so verrückt vor. Bedenken Sie, ich bin trotz meiner Unwürdigkeit eine arme Frau, die schon deswegen Ansprüche an Sie hat, weil sie sich unbedingt Ihnen anvertraute. Gott, wenn ich mich getäuscht hätte – wenn Sie Hohn mit mir trieben!«

»Gnädige Frau,« rief ich, »vertrauen Sie sich mir an, aber auch wirklich unbedingt, ohne Rück- und Vorbehalt. Legen Sie Ihr Schicksal in meine Hand – ich will es ordnen, Sie sollen noch glücklich werden.«

Sie brach in Thränen aus. Die künstliche Kraft, mit welcher sie sich mir gegenüber gestellt, verließ sie. Jetzt konnte ich Theilnahme empfinden, jetzt mit tiefer Bewegung auf ihre Bekenntnisse lauschen, Bekenntnisse, die Alles enthielten, was ein verirrtes, aber nicht schlechtes Weib in zwanzig Jahren voll Unterdrückung ihres ganzen Wesens, voll Hoffnungslosigkeit, ohne Aussicht, erleiden kann.

Sie war stolz, nicht nur durch Geburt und Erziehung, auch ihrem ursprünglichen Wesen nach – wenn sie keine Scheidung nachgesucht, so war's nur gewesen, um sich nicht zur Heldin eines juristischen Skandals herzugeben – »ich wußte,« sagte sie mir, »das Geschwätz über meine Flucht würde aufhören, sobald ich vergessen wäre, und bis dahin hat es gewiß nicht lange gewährt – höchstens einige Freundinnen außer Ihrer Mutter haben noch bisweilen ihre Kinder von mir unterhalten –«

»Gnädige Frau,« fiel ich ungeschickt ein, »wahrlich, meine Mutter hat stets nur mit großem Bedauern von Ihnen gesprochen.«

»Eben dieses Bedauerns wegen bin ich nicht Pfarrfrau, nicht Das geworden, wozu Sie mich jetzt machen wollen, die Gattin meines interessanten Verführers. Ich hätte es bis an mein Grab ertragen müssen, dieses liebevolle Bedauern! Man hätte gesagt: Die arme Feodora! wie anders hat sie's jetzt, als früher – ja freilich, wenn eine Frau es sich einfallen läßt, einen Candidaten nicht nur zu lieben, sondern auch zu heirathen – glauben Sie mir, eine kleine Liebschaft mit Herrn W. hätte man mir gern verziehen – es gab noch andere Damen, denen er recht gut gefiel – eine Heirath mit ihm wäre ohne Barmherzigkeit als lächerlich verurtheilt worden.«