Ich antwortete absichtlich nicht ohne Spott: »Gnädige Frau, und meinen Sie, man habe Sie weniger lächerlich gefunden, weil Sie sich nur entführen ließen? Glauben Sie mir, Ihr Schicksal hat nie für tragisch gegolten, obgleich es so tragisch ist, wie es nur eines geben kann. Warum Sie keine Scheidung und keine neue Ehe wollten – soll ich es Ihnen sagen? Ihr Stolz als vornehme Frau und als feine und energische Natur sträubte sich gegen die Heirath mit Herrn W. Er war Ihnen nicht ebenbürtig, nicht nur den äußeren Verhältnissen, auch dem innern Standpunkt nach – eine augenblickliche Schwäche allein führte Sie aus Ihrer höhern Sphäre zu ihm. Habe ich Sie und ihn richtig gewürdigt?«

»Ja!« antwortete sie mir schmerzlich und doch mit einer gewissen Freude, erkannt worden zu sein; »daß ich ihn wählte, war mein eigentlicher Fehltritt. An einer bloßen Schuld wäre ich nicht zu Grunde gegangen – an meiner Dummheit verzweifle ich noch heute, wo sie schon zwanzig Jahr alt ist. Doch je älter eine Dummheit ist, je fürchterlicher wird sie. Sie wächst immerfort.«

»Verwandeln Sie die Dummheit.«

»In was?«

»In ein, wenn Sie wollen, freudenarmes, aber lohnreiches Loos?«

Sie verstand mich, ließ die Hände matt sinken, und sah mich mit einem Blicke an, der mich um Erbarmen flehte.

»Sie wollen mir doch gewiß nicht Ihren Beistand nur verkaufen? Quälen Sie mich wenigstens erst, wenn Sie ihn gesehen haben.«

Diese Bitte entwaffnete mich nicht nur, sie war vernünftig. Was für den ersten Augenblick anzufangen, war nun die Frage. Sie bat mich, ich möchte ihr in einem der nächsten Dorfwirthshäuser eine kleine Stube ausmitteln, wo sie sich vor W. verbergen könne, bis ich ihn gesehen und geprüft. Dann sollte ich über die Form ihres ferneren Schicksals entscheiden. »Sie haben vielleicht Recht,« sprach sie traurig, »wenn Sie mich für moralisch incompetent halten. Meine Seele möchte in die Einsamkeit und da ihrer Sünde vergessen. Aber es kann sein, daß dieses Begehren Aufruhr ist, daß es fortan meine Pflicht ist, dieses Mannes zu bleiben, daß meine Buße darin besteht. Finden Sie es so, will ich thun, wie Sie fordern. Sie sind jung und unverdorben – Sie werden besser das Rechte erkennen, als ich.«

Hier ließ der Vorleser das Manuscript sinken, und sah mich an.

Ich sah ihn ebenfalls an, wartend der Dinge, die nachkommen sollten. Als er aber nicht wieder anfing, fragte ich ungeduldig: »Nun, geht's denn nicht weiter?«