„Fürchte nichts!“ sagte er. „Amadeus ist tot.“

„Hätte ich wieder einen Sohn,“ sagte Therese leise, „er sollte Amadeus heißen, — oder Aimé, — Geliebter!“

Das Wort zog bunte Kreise durch den Raum. Die drei Männer lächelten. Therese blickte unbefangen auf, fand Hubers Augen mit einem leidenschaftlichen Triumphieren auf sich ruhn, lächelte verwirrt und sah auf ihre Hände. — — —

Den Prophezeiungen eines veritablen chargé d’affaires zum Trotz hatte die Idee der Freiheit in der Gestalt des Bürgergenerals Adam Philippe de Custine ihre Macht bewiesen und war am 21. Oktober ganz ohne besonderer Stoßkraft zu bedürfen, in einem Tressenrock aus Scharlachtuch, einen gewaltigen Federhut auf dem à la chien frisierten Haupte mit großem Gefolge in Mainz eingezogen. „So sieht er aus, der Wüterich, — mon dieu!“ sagte die kleine Forkel ganz enttäuscht, neben Therese und Karoline in einem Fenster der Bibliothek an der Großen Bleiche lehnend, — „ein Mann mit Haar am Mund, — fi donc und Philipopel!“ Ein stumpfnasiger, ein undämonischer Mann, fand Therese, der wie im Traum zum Ruf eines Attila gekommen sein müsse; er gliche einem gutmütigen Schlächterhund, der allzu reichlich von fettem Abfall lebte.

„Meine Lieben,“ sagte Karoline erheitert, „ich staune über eure espérancen! Seid ihr vielleicht auch enttäuscht über das ausgefallene Bombardement? Lise soll ja gesagt haben: beigewohnt haben möchte ich dem doch einmal, — und so mag wohl auch der neugierige Goethe gedacht haben, als er bei Valmy in den Kugelregen ritt!“

„Ich habe gar nichts erwartet“, sagte Therese hochmütig und zog sich vom Fenster zurück. „Ein Edelmann, der sich dieser Zeit fügt, taugt nichts, — da waren die Emigranten mir lieber!“

„Potztausend!“ Dora Forkel war pikiert. „Und Sie weinten doch vor Entzücken beim Anblick der ersten cocardes tricolores in der Schustergasse, — wenn mich meine Erinnerung nicht täuscht, meine Teure.“

„Und ich werde immer weinen, wo ich sie erblicke als Abzeichen einer großen Gesinnung, einer freiheitsgläubigen Seele … Wir wollen gehen, George, — wir wollen ins Lager gehen und die echten Söhne Frankreichs und der Freiheit begrüßen. Dies ist kein führender, — dies ist ein geschobener Mann!“

Sie lachte schrill. George bot ihr stumm den Arm.

Das Herz voll aufjubelnder Erinnerung an das Volk, das er vor zwei Jahren auf den Champs d’Elysée sein großes Bruderfest hatte zurüsten sehen, ja, möglicherweise in dem Gefühl, hier handele es sich um eine Fortsetzung jenes Festes, in das nun auch er und was um ihn war, einbegriffen sei, — sie waren in größerer Gesellschaft dem Zuge der vors Tor hinausströmenden Bürger gefolgt, — in dieser nicht gewöhnlichen Stimmung also, einem Rausch der Menschenliebe, des Freiheitsfrühlings, — konnte sich George nicht enthalten, einem der ersten Söhne der Freiheit, die ihm in den Weg kamen, unter Schwenkung des Hutes ein aufrichtiges: „Vive la république!“ zuzurufen. Der Soldat, ein langer brauner Kerl, auf seine Flinte gelehnt und die Vorübertreibenden nicht eben freundlich musternd, spuckte aus, strich sich den Schnauzbart und rief herzlich: „Sacré! Elle vivra bien sans vous!“ worauf er sich abwandte. In der sonderbaren, ahnungsvollen Bewegtheit seines Gemütes ging das Wort George tagelang nach. Elle vivra bien sans vous! Oh, dies war eine Warnung des Schicksals! Nein, er würde nicht dem Klub, der Gesellschaft der Freunde der Freiheit und Gleichheit beitreten, die sich schon am ersten Tage nach dem Einzug der Franzosen um einige allgemein bekannte Revolutionsschwärmer zu kristallisieren begann, um den Dr. Metternich etwa und den Professor Blau, einen der lebenslustigen Priester, denen das Beispiel des Kollegen Dorsch in die Augen stach, der vor einem Jahr in das freiheitliche Straßburg übergesiedelt war und dort die ihm nachfolgende Demoiselle Strohmeier, zu der er allgemein bekannte, anstößige Beziehungen unterhalten hatte, nunmehr ehelichte. Der Kollege Dorsch übrigens kam, noch ehe der Oktober um war, wieder in Mainz an und brachte die geehelichte Strohmeiern mit, desgleichen kam der Professor Böhmer angereist, ebenfalls aus Straßburg und nicht eben zum Entzücken seiner Schwägerin Karoline. Niemand wußte recht, hatte Custine diese Herren wirklich herbeigerufen, wie sie in Umlauf zu setzen nicht unterließen, oder waren sie seinen Spuren gefolgt, kleine Schakale der Fährte des Löwen? Nun, jedenfalls, sie wußten ihr air zu behaupten, waren nicht mehr Dilettanten der Sache der Freiheit gegenüber, sondern verstanden es von Grund aus, eine larmoyante und träge deutsche Bürgerschaft, die am Ende gar noch mit ihrem Despoten zufrieden gewesen war, zu elektrisieren. Dergleichen Leute also, wie jener Metternich, wie der dicke Blau mit Dorsch und Böhmer, zu denen sich etwa noch der Historiker Hofmann und Wedekind gesellten, bildeten den Kern der Mainzer Jakobinergesellschaft, — und, wie gesagt, — George verzichtete. Nicht allein, weil Marianne in Gestalt jenes Getreuen ihm einen Korb gegeben habe, sagte er lachend zu Therese und Karoline. Sei nicht der erste Korb einer Spröden immer mit den Blumen der Hoffnung gefüllt? Nein, — er verzog das Gesicht und schob die Schultern hin und her, — diese Gesellschaft war nicht sein Geschmack. Sie gebärdete sich allzu sehr wie eine Schulklasse, die der Lehrer verlassen hat. Sie war nicht durchpulst von dem ursprünglichen heißen Quell der Empörung. Sie gefiel sich in einer äffischen Nachahmung von Paris, war tollgewordnes Spießbürgertum. Huber, der ihn aufmerksam ansah, meinte zögernd, als taste er im Dunkeln nach der Klinke einer verschlossenen Tür, ob es denn nicht vielleicht gerade aus diesen Gründen die Pflicht eines Mannes von wahrem Weltbürgersinn sei, die große Sache auf deutschem Boden würdig zu vertreten? Dies sagte Huber, indem er nun nicht mehr George, sondern Therese ansah und Therese, den Blick unsicher und fragend erwidernd, nickte plötzlich mit Heftigkeit Beifall: „Freilich, George, — hier kommt es auf den Standpunkt an.“