„Ich bin kein führender Mann“, sagte George gedankenverloren, Tags zuvor gehörte Worte wiederholend, ohne es zu wissen, und nicht wahrnehmend, daß die Blicke Hubers und Theresens sich hastig kreuzten, um einander wieder zu fliehen, während Karoline ihn voll Schwermut ansah.
Es war ein Herbst, so herbstlich wie noch nie. Der Nebel kam durch die Haustüren hinein und wallte still über die Treppen; er quoll in die Fenster, wie der Odem einer ungeheuren kranken Brust. Es roch nicht nach Nebel allein, es war nicht nur jener fast süße feuchte Geruch nach frischen modrigen Blättern und überblühten Veilchen, den man an Novemberabenden zwischen den Heckenwegen spürt, — dieser Herbst war Krankheit. Es lag Fäulnis und Verwesung in der Luft, die Ausdünstungen des Heeres, seiner Menschen und Tiere, — es lag Lähmung, verzweifelte Unentschlossenheit über dem öffentlichen Leben, die den Bürger hinderten, die Stadt für den neuen Herrn im alten Stand der gepflegten Sauberkeit zu halten. Es war zu dem allen der sonderbar aufregende Duft nach Leder, nach Pferden, nach Schnaps, nach holländischem Tabak, nach parfümiertem Puder, waren die Dünste ungewöhnlicher Mahlzeiten, von denen die Atmosphäre durchwittert war. Es war das ständige Signalblasen der Hörner, das durch den Nebel drang, der Marschtritt auf den Gassen, die neuen Lieder und Tänze, die abends aus den Häusern schollen, der Wohlklang und Rhythmus der fremden aber geliebten Sprache an allen Ecken und Enden. Es war der Zustand des Krieges, den George als quälend herbstlich empfand, als spukhaft, als eine unerträgliche, laue, schlaffe Entspannung der Nerven, diesen Zustand, in dem die Aufhebung allen Rechtes zur Sünde herauszufordern scheint, denn jede Handlung, die der Mensch unternehmen könnte, um den fürchterlichen Stillstand des Lebens zu unterbrechen, hieß noch eben Sünde. Es war das lautlose Abbröckeln der Welt von gestern mit ihren Gesetzen, es war dies furchtbare stille Scheinen der gelben, tropfenden Lindenbäume draußen vor den Fenstern, das George fast rasend machte. —
Wünschte der General seine Dienste oder lag ihm nichts daran? Er hatte sich überreden lassen als Wortführer einer Deputation von Professoren dem Gewaltigen seine Aufwartung zu machen und hatte die Interessen der Universität erfolgreich vertreten. Custine jedenfalls erließ dem Institut alle Zwangsabgaben und ließ sich durch Böhmer, der sich mit einem Individuum Namens Daniel Stumme in die Sekretärsdienste im Schlosse teilte, die Rede des pp. Forster in der Niederschrift ausbitten. „Hier hätten Sie hinterhaken müssen, mein Teurer, hehe! Sie hatten den Fuß im Bügel und sind nicht aufgesessen. Der General hatte ein flüchtiges Interesse für Sie gefaßt, es hätte leicht ein faible werden können, — aber Sie nahmen den Augenblick ja nicht wahr. Ich fürchte, der General ist verstimmt.“ Böhmer, der George als Abschluß eines kurzem Pflichtbesuches diese Mitteilung machte, sah ihn mit widerlich offenstehendem Munde, hochgezogener Stirne und aufgerissenen Augen an, indem er wichtig mit dem Finger drohte. Da er einem Schweigen begegnete, sammelte er sein Gesicht, sagte: „Es ist noch nichts verloren, da ich Ihr aufrichtiger Freund bin“, und verabschiedete sich. Sein Besuch war einer unter den hunderten in diesen Tagen, die alle mehr oder weniger deutlich Georges Eintritt in den Klub forderten. Dies war geeignet, ihn nachdenklich und schwankend zu stimmen. Böhmer war ein Hanswurst, ganz ohne alle Frage, aber dem General beliebte es nun einmal, ihn zu seinem Sprachrohr zu machen, der General stellte die republikanische Regierung dar, und war er, George, einmal auf die Gunst dieser Regierung, deren Grundsätze er als seine eigensten, innersten fühlte, angewiesen, ging sein Herz in einem Takt mit dem großen heiligen Herzen der Republik und dachte er nicht daran, dem im Eichsfeld händeringenden Kurfürsten eine sentimentale Treue zu halten, — nun wohl, — was hinderte ihn eigentlich, ausgesprochenen und unausgesprochenen Wünschen Rechnung zu tragen? Übrigens war es von eigentümlichem Reiz zu fühlen, daß erschrockene Bürgeraugen auf einen sahen, als auf den Mann von Weltblick und Contenance; daß kleine Anregungen, die man unter der Hand gab, wohltätige Folgen zeitigten, so wie etwa auf seine ursprüngliche Veranlassung hin das Theater wieder zu spielen anfing, damit die französischen Offiziere sich amüsieren und das Publikum sich wieder humanisieren möge. Es war von eigentümlichem Reiz zu wissen, daß Menschen auf einem ungewissen Wege nicht weiter gehen wollten, ohne ihn, — denn drinnen heulte der Minotauros. Es war fast unwiderstehlich, zu denken, daß eine Aufgabe wartete, die seines Kopfes erst in zweiter Linie, vor allem aber seines Herzens, seiner Menschlichkeit bedurfte. „Es ist nicht der Ruhm, den ich suche, sondern die Liebe meiner Brüder“, redete er inbrünstig in Brands große blaue Kinderaugen hinein, die gläubig auf ihn gerichtet, in diesen Tagen fortwährend politische Unterweisung von ihm forderten und mit Monologen privater Natur abgespeist wurden. „Zudem scheint Preußen endgültig auf mich zu verzichten …“
Oh, Preußen taumelte mit sehenden Augen in sein Verderben. Der König ließ den Herrn von Bischoffswerder unentwegt weiter Geister zitieren, denen alle staatsmännischen Künste des Grafen Herzberg nicht gewachsen waren. Dem König fehlte, kurz und gut, ein Mann in seiner Umgebung, dessen Grundsätze, Charakter und Wandel bis dato für die Rechtschaffenheit seiner Absichten zeugten, dessen Laufbahn Gelegenheit zur Entwicklung eines großen Überblicks, einer gesunden Einschätzung der Zeichen der Zeit geboten hätte. Einen deutschen Fürsten von weitem Machtbereich jetzt leiten, einen wesentlichen Teil des deutschen Volkes jetzt durch vernünftige Reformationen ohne blutige Revolution zu einer gesunden Staatsverfassung führen zu dürfen …
„Freilich,“ unterbrach Therese sein Schwärmen und bat durch einen Blick um Brands Teller, den sie mit Suppe füllte, „da indessen weder dein Freund Voß noch der Minister einen Weg zu finden scheinen, den König auf sein Glück aufmerksam zu machen, so hielte ich es für ratsam, sich an das Gegebene zu halten. Huber meinte noch mit dem Fuß auf dem Wagentritt du — möchtest dir doch hier durch dein Zaudern keine Chancen entgehen lassen.“
Eine Estafette seiner Regierung mit einem kräftigen Verweis hatte den chargé d’affaires vor einigen Tagen wieder nach Frankfurt zu seinen Staatspapieren zurückbeordert.
„Meinte er das?“ George nickte grüblerisch. „Ich gebe so viel auf sein Urteil in diesen Dingen. Er hat einen eminenten Scharfblick, trotz seiner Jugend. Er fehlt mir doch unendlich. Was meinst du, Therese, — fehlt er uns nicht?“ Er aß hastig und in sich gekehrt. Brand starrte vor sich hin. Er hatte verzweifelt viel Takt, obgleich er hier nur halb begriff. Why, — hatte Mrs. Forster Kummer? Wozu jetzt diese Tränen? Therese hatte ihr Gesicht einen Augenblick auf Clairchens Kopf gesenkt, die sie auf dem Schoß hielt und fütterte. Jetzt sagte sie mit etwas rauher Stimme: „Deine eigentlichen Gaben liegen auf dem Gebiet des Menschlichen, Lieber, im Umgang und in der Behandlung der verschiedenen Individuen.“ Sie stockte und blickte vor sich hin, als dächte sie selbst erstaunt über ihre Worte nach. Dann fuhr sie tastend, aber mit wachsender Sicherheit fort und unterbrach sich kaum mit einem genickten Gruß, als Karoline während ihres Redens leise eintrat.
„Du hättest dies am Anfang deiner Laufbahn in Deutschland ins Auge fassen sollen, George,“ sagte sie, das Kinn in die Hand gestützt und die Augen empor gerichtet, als läse sie eine nachträgliche Weissagung von der geblümten Tapete ab, — „du hättest das diplomatische Fach ergreifen sollen und dein Glück wäre heute gemacht. Du hättest überall Freunde und Gönner, du hättest Konnexionen an allen Höfen Europas, — du hast so charmante Umgangsformen, mein George!“
Sie sah ihn mit spielender Zärtlichkeit an, vermochte es, daß sein blasses Gesicht kindhaft strahlte, überließ ihm ihre Hand und phantasierte weiter:
„Du hättest die Naturwissenschaften immer als Liebhaberei nebenher betreiben können, — so wie der Goethe es auch tut, — nicht wahr? Der Landgraf in Cassel hatte eine Vorliebe für dich, — ich weiß es. Konnte er dich nicht in seinem Kabinett anstellen, ebensogut wie an dem törichten Carolinum? Du hättest dich für die armen hessischen Landeskinder verwenden können, die er nach Amerika verkaufte, — sieh, das wäre gleich ein verdienstlicher Anfang gewesen! Hernach wäre die Sache schon weiter gegangen und wer weiß, welchen Verlauf die europäische Politik genommen hätte, wenn …“