„Oh, George! Welche großen Worte wieder!“
„Mein gutes Kind! Ich glaube, — jetzt hab ich ein Recht auf sie.“ — — —
Der Pfeil war auf die Sehne gelegt. Der Schütze in den Sternen zielte.
Der Adventsreiter von Frankfurt war unterwegs. Sein grüner Dolman fegte hinter ihm drein, unter den Hufen seines Rappen stob der neue Schnee. Kam er durch die Dörfer, so ritt er langsamer und stieß in die Trompete: „Trahisson! Massacre! Vengeance! Die Preußen haben Frankfurt genommen! Ver—rat!“
In den sonnigen Nachmittagsstunden des 2. Dezember, eines Montags, stand George mit Therese und Brand auf den Schanzen von Kastel. Diese kleine Promenade hatte ihm gut tun, hatte die entsetzliche Unrast in ihm ein wenig dämpfen sollen. Der bei ihnen einquartierte Artillerieoffizier an seiner Seite machte aufs artigste den Führer durch die Verschanzungen und erklärte die Arbeiten, mit denen Bauern aus der Umgegend und Soldaten Schulter an Schulter beschäftigt waren. Hier herrschte brüderliche Tätigkeit, ach, es war ein Bild, dessen sich das bebende Herz getrösten konnte. George hörte Therese plaudern, hörte sie ernsthafte kleine Fragen tun; er fühlte ihre Hand seinen Arm umspannen, wie sie es zu tun pflegte, wenn sie in Eifer geriet, — da lächelte er und drückte diese kleine Hand an seine Brust. Brand kletterte mit Röschen auf den überfrorenen Lehmhaufen herum, das Kind jauchzte und rief den grabenden Soldaten sein winziges: „Bon jour, citoyen!“ immer wieder zu, vergnügt über die Heiterkeit, die ihm antwortete. Schneegewölk quoll rings um den Horizont auf und erstickte die ohnehin schon tief stehende Sonne. Ihre letzten Strahlen lagen mit seltsam aufregendem Licht auf den hohen Türmen der Stadt dort drüben, während hier der kalte graue Schatten schon stand und der Strom matt und bleiern durch wallenden Nebel glänzte.
In schwermütigem Gedankenspiel sagte sich George, daß sein Haus jenseits des Stromes im Land der untergehenden Sonne läge, und daß er nicht über die Brücke zurück, sondern ostwärts gehen sollte, dem Lichte entgegen. Er sagte sich dies, und in einem mechanischen Zwang die Allegorie weiter führend, redete er sich ein, daß der sinkenden Sonne folgen auch heißen könne, wieder mit ihr aufzugehen, — als er mit einem Male durch das grelle Schmettern einer Trompete und eine durch die Kolonnen der Arbeitenden zur Straße hinwogende Bewegung zum jähen Aufblicken vermocht, den grünen Reiter, den Adventsreiter von Frankfurt erblickte, wie er soeben nach kurzem Anhalten inmitten einer Gruppe von Offizieren und Mannschaften weiterjagte, der Rheinbrücke zu, deren Bohlen alsbald unter den Hufen dröhnten, während die Worte: „Francfort! Trahisson! Les Prussiens! Massacre!“ durch die Reihen liefen wie fressendes Feuer, Flüche laut wurden, Fäuste sich ballten und Bruchstücke einer blutigen Geschichte, Raben eines fürchterlichen Gerüchtes durch die Luft flatterten, schreiend und Rache heischend. Und plötzlich fand sich George allein unter den fremden, wild redenden und gestikulierenden Soldaten, sah Therese hinüberlaufen zu Brand, der ihr entgegeneilte, sah sie die Hände auf seinen Arm legen und hörte sie rufen: „Oh, Brand, da sehen Sie, — da sehen Sie! Er hatte recht! Er hatte wirklich recht!“ — — —
In der folgenden Nacht, — einer furchtbaren, endlosen Nacht, — machte George es sich klar, daß es nun nur noch ein Vorwärts für ihn gäbe, und daß er, traumwandelnd wie er zu seinem öffentlichen Bekenntnis zur Sache der Freiheit gekommen war, nunmehr erwacht für sie einstehen müsse. Und da die Freiheit keines Volkes Sache zu sein schien, als die Sache Frankreichs, so mußte er eben für Frankreich eintreten, war sein Blut und seinen Geist keiner irdischen Macht mehr schuldig, außer der Souveränität des freien Frankenvolkes und seinen Mitbürgern, insoweit sie Frankreichs Sache zu der ihren gemacht hatten. Den letzten Funken und den letzten Tropfen für Mainz, wenn es feurig und heldenhaft für die Menschenrechte zu streiten und zu sterben begehrte! Den Staub dieser Stadt von seinen Schuhen, wenn sie, gleichen Geistes wie Frankfurt, in dem friedlichen Eroberer nichts sehen wollte als den alten Erbfeind im Schafskleid, und die erste Gelegenheit wahrnahm, um die arglosen Freiheitssöhne zu überrumpeln, dem deutschen Heer die Tore zu öffnen und sich mit Freudengewinsel unter den Fuß der heimkehrenden Despotie zu ducken! Und darum wohl von vornherein: den Staub von seinen Füßen! Denn daß dieser Geist in Mainz umging, wer wollte daran zweifeln? Darüber würde auch der tobende Klub nicht hinwegtäuschen, der in seiner Zusammensetzung immer mehr an ein Narrenhaus erinnerte und eine Zufluchtsstätte für alle geworden war, die bis dahin im Leben zu kurz gekommen waren und ihre unausgelebten Begierden nun zum Himmel schrien, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Nein, nein, der deutsche Bürger war nicht reif für die Freiheit der Selbstbestimmung! Fünfzig, ja hundert Jahre der Entwicklung fehlten ihm noch! Welche Gnadenfrist für Deutschlands Fürsten, dachte George von längst begrabenen Wünschen noch einmal spukhaft berührt. Einem jener Fürsten, denen Ludwigs Schicksal jetzt wie der böse Traum einer bangen Nacht scheinen mochte, der Joseph sein dürfen, der diesen Traum ausdeutete, der seine Warnungen in klaren Lettern an die Wand schrieb … Da denn sein Leben doch unaufhaltsam der öffentlichen, der politischen Rolle zugetrieben war, dem heißen Drang nach weiter Wirksamkeit folgend, diesem uneingestandenen Drang nach sichtbarer, nach hörbarer, nach ruhmvoller Wirkung, — oh, warum dann nicht jenen Weg, der doch vielleicht auch offen gestanden hätte, den Weg der aufgehenden Sonne entgegen? Indessen, sagte er sich in seinen heißen Kissen verzweifelnd und immer wieder auf das Marschieren draußen lauschend, denn die von Frankfurt zurückgenommenen Truppen durchzogen nächtlich die Stadt, alle diese Betrachtungen waren Versuchungen des Dämons der Wankelmütigkeit und es galt nichts mehr als das „Allons, enfants de la patrie“ und den Rhythmus des Ça ira in seiner wahnsinnigen Unbekümmertheit. In einer bangen Rührung hatte er längst wahrgenommen, daß auch Therese nicht schlief. Ihr Herz hält sie wach, dachte er, nun ganz an sich selber hingegeben und fühlend, daß all das unermüdliche Raisonnement seines Verstandes nichts war, als eine Übung, um dieser innersten schrecklichsten Sorge zu entgehen. Ihr Herz hält sie wach, sagte er sich, ihr verzagtes Herz, das Herz eines Weibes und das einer Mutter! Schreckensvoll abgewandt von der fratzenhaften Einbildung, die ihm anderes einflüstern wollte, die da wußte, Therese will gehen und — Therese hat nun einen Anlaß gefunden, — die Hand über die Augen legend, als könnte er sich so dem Aufflammen entsetzlicher Einsicht verschließen, sprach er sich die Grundsätze vor, denen jetzt zu folgen war, nämlich, daß er handeln müsse als sei er der einzige unbedingt verläßliche Mensch auf der Welt, der Opfernde, der für sich kein Opfer forderte. Und da kam der Schlummer über ihn, der Schlummer mit der kühlen Schale des Vergessens.
Er hatte sie gefragt, — und er hatte ein Lächeln dabei gehabt und eine Liebkosung, —: „Wie ist es denn nun, liebes Kind, wärest du bereit, abzureisen, wenn nun die Preußen …“ Er vollendete den Satz nicht, er lächelte wieder. Nach den neuesten Berichten schien es so ausgeschlossen, daß die Preußen kämen. Custine hatte Frankfurt aus den Händen gelassen, das war Strategie. Er hatte die Truppen auf Mainz zurückgezogen, Kastel war befestigt, die Stadt nach Eikmeyers Ansicht auf eine zweijährige Belagerung vorbereitet. Jedoch, so hatte wiederum Eikmeyer, das militärische Orakel des Klubs, geäußert, woher wollte der General Kalkreuth jetzt die Armee aufbringen, die Festung einzuschließen? Es lag mithin kein Grund vor, Mainz als gefährdeten Boden zu verlassen, und wenn der Vizepräsident der Administration seine Familie wegschickte, gab er damit nicht zu, daß er, ein Vertreter der Stadtverteidigung, anderer Ansicht war? Würde das nicht heißen, die Bürgerschaft beunruhigen, den Vorsätzen also, mit denen er sein neues Amt übernommen, untreu werden?
„Nun, — diese Bürgerschaft …“ Therese wand ihre Schultern.
„Sie ist keine Opfer wert in ihrer Lauigkeit, — freilich, da hast du recht. Aber vielleicht verlangt meine Ehre es doch, daß ich öffentlich erkläre, daß ich …“