„Und doch ist er dem Geheimnis der Glückseligkeit so nahe,“ sagte George vor sich hin. „Er läßt seine Liebe aufgehen in dem großen Brand seines Herzens für die Menschheit. Er vermag es.“

„Mein Freund?“

„Oh — du meintest?“

„Ich meinte, ob du zu Ende wärest mit dieser Meditation und ob ich um Gehör für meinen wackren Bürger bitten darf?“

Sie las. Sie las die Elegie. „Als Molly ihn verlassen hatte“, erntete ergriffenes Schweigen, einen lyrischen Seufzer Hubers, fühlte sich offensichtlich gelöst, blätterte, begehrte ein Licht, las weiter. George sah auf sie hin, fühlte seine Brust unter ihrer Stimme erzittern wie den Resonanzboden einer Geige, die Schärfe in ihm zerging, er atmete leicht und glücklich, er staunte, daß sie schön wirkte, einzig durch den jetzt seelisch entzündeten Glanz ihrer Augen. Er sah es wohl, daß sie sich wieder und allen seinen Bitten entgegen geschminkt hatte, daß ihr Anzug, dies grüne, weißgestreifte Hauskleid, im Widerspruch zu jenem Aufwand der Eitelkeit stand, — er war nicht blind dafür. Dennoch, — hier war Therese, — und hatte sie sich verändert, jetzt zeigte sie es nur im Ausdruck einer Tiefe der Empfindung, deren sie erst fähig hatte werden müssen. Und George in einem törichten Frohlocken dachte in diesen Minuten nichts, als: Sie ist mein, ich modelte ihr Herz, — und die Blicke der beiden jungen Männer, die, betroffen oder hingerissen, verrieten, daß nicht nur er allein dem rätselhaften Zauber dieser nicht schönen Frau erlag, gaben ihm ein Triumphgefühl des Besitzes. Einer jener verhängnisvollen Täuschungen nachgebend, die ihn in diesem Abschnitt des Lebens zuweilen überstürzten wie Lichtströme das Land an einem wolkentreibenden Apriltag, meinte er sich eins mit ihr zu fühlen, eins in einer reinen geistigen Luftschicht, in die sie durch den Dunst niederer Ebenen hindurch gemeinsam sich empor gekämpft hätten. Hier, nun wohl, standen sie Hand in Hand auf der Schwelle eines neuen Lebens; dieser Abend, der erste in Mainz, der ihnen Gäste zugeführt hatte, war von der Musik unsichtbarer Genien umspielt, Musen und Grazien hatten ihr Haus in ihre Hut genommen. In den Stand der Gebenden, Austeilenden, Überströmenden eintreten dürfen, ja, er war gewürdigt worden, es war nun an der Zeit! Mochten Menschen wie Müller hochmütig oder abgewendet fernbleiben! Hatte er auf ihren Umgang gehofft, er war der Enttäuschung wohl gewachsen. Wenn nur jene kamen, die noch nicht des eignen Geistes satt waren, wenn sie nur kamen, bereit, ihm seine Fülle abzunehmen, er wollte sie wohl nähren und Theresens anmutiger und schöner Geist sollte sie laben, wie der Flor eines Gartens. Huber sollte den Freund an ihm finden, den er suchte, gerührt blickte er auf ihn, der dort mit einem gläubigen Ausdruck knabenhafter Begeisterung an der Vorlesenden hing. Ihm war, als sähe er sich selbst, zehn Jahre zurück, und fast wollte es ihn mit wehmütigem Neid überkommen: hatte denn je über ihm so das Göttergeschenk der Freundschaft eines Älteren, Gereiften geschwebt, hatte er sich nicht von je einsam seinen Weg suchen müssen, führerlos und Gott allein verantwortlich? —

Da Therese nun zu lesen aufhörte, stand er auf und eilte in sein Zimmer, von dem Bedürfnis überkommen, auch etwas zu geben, und sich erinnernd, daß Humboldt ihn nach seinen eigenen Arbeiten gefragt hatte. Er hatte vorher in dem botanischen Kollegium geblättert, das er den Wilnaer Damen gelesen hatte. Es waren doch recht artige Perioden darin, besonders in den Vorlesungen, die von der Generationstheorie handelten, er traktierte das Ding so aus dem Handgelenk, leicht, fast amüsant, ohne doch im geringsten aufzuhören, der Forster zu sein. Er kehrte zurück, das Manuskript in der Hand, fand das Röschen, das inzwischen hereingebracht worden war, auf Humboldts Knien sitzend und diesen bemüht, den ernsthaften kleinen Mund des Kindes zum Aussprechen seines Namens zu bewegen: „Wilhelm!“ sagte er ihm lächelnd vor, „Wilhelm!“

„Wilhelm …“ wiederholte Therese sich vorneigend, und, im Schatten der Zimmertiefe verweilend, erkannte George im Innersten betroffen den spähenden ruhelosen Blick ihrer Augen, den bebenden Ton ihrer Stimme, und wußte plötzlich, was da vorhin ihrem Lesen Klang und Zauber gegeben hatte, es war ihr verborgenes Herz gewesen, das unablässig jenen Namen anrief, unablässig, — ihn, den er selbst so gewaltsam hinter sich in die Vergessenheit getreten hatte. — —

Er hatte nicht mehr vorgelesen. Er ging in seinem Zimmer auf und nieder, im Schein der Kerzenflamme glitt sein Schatten an der Wand entlang, der Schatten eines alten Mannes, von dem sein Auge müde abschweifte. Sein Kopf schmerzte, seine Glieder waren schwer. Die anderen waren noch hinaus in die klare Herbstnacht gegangen, um die Sterne sich im Rhein spiegeln zu sehen. Er scheute die feuchte Luft, er war zurückgeblieben, er ging hier zwischen seinen Büchern auf und ab in der Gesellschaft eines müden, gebückten Schattens. „O, — du hast wieder Schmerzen, lieber Freund?“ hatte Therese gleichmütig gesagt. Ja, — glaubte sie ihm nicht einmal die Schmerzen mehr?

„Ich habe vielleicht allzuoft in meinem Leben unter derartiger Gesellschaft sein dürfen, um dies als ein besonderes Glück zu schätzen,“ erwiderte George lächelnd auf die Frage Theresens, wie er es denn ertragen könne, hier oben auf der Galerie unter den Geduldeten zu sitzen. Er hatte den Arm auf die Brüstung gestützt und blickte von der Seite in ihr Gesicht, das angeregt und unzufrieden zugleich auf die glänzende Versammlung unten im Akademiesaal des Schlosses hinabspähte. Das Scherzo einer Haydnschen Symphonie hub soeben mit den rasch sich folgenden Einsätzen der Streichinstrumente und Flöten an, als begänne ein lustiger Wettlauf leichter Kinderfüße über eine Frühlingswiese. Therese hielt eine Antwort auf der Zunge zurück, seufzte ungeduldig auf und schloß die Augen, gelangweilt oder genießend. George, musikmüde, wie stets gegen Ende eines Konzerts, sah zu Sömmerring und Wedekind hinüber, die an ihrer anderen Seite saßen, beobachtete ein wenig die amtlich gesammelten Mienen, mit denen die beiden Mediziner den Genuß dieser kurfürstlichen Samstagsveranstaltung entgegennahmen, ließ seine Augen über die andächtigen oder zerstreuten Mienen der hier oben sitzenden bürgerlichen Gesellschaft schweifen, nickte dem kleinen eleganten Professor Dorsch zu, der auf seinem Stuhl wippend mit seiner Dose spielte, tauschte mit Fiekchen Dieze einen Blick lächelnden Einverständnisses über die neben ihr sänftlich eingeschlummerte Frau Mama, geriet selbst ein wenig ins Gähnen und starrte zum Plafond des Saales empor, der, von den olympischen Ausgeburten Januarius Zickschen Geistes bedeckt, ihn einlud zum Verweilen zwischen Wolkenhügeln und den rosigen Nacktheiten unbefangener Göttinnen. Er fühlte sich irgendwie bedrängt von dem atmenden Schweigen dieser orphisch gebannten Menschheit, als sei er der einzige Wache unter lauter Bezauberten. Dennoch wußte er, da saßen sie nun und enthielten sich der Worte, der Bewegungen, schillerten in den Farben ihrer Kleider, ihrer Edelsteine, im Glanz ihrer leuchtenden Haut, wie Frau von Coudenhoven dort unten an der Seite des Kurfürsten und der Kreis ihrer Damen, — hatten scheinbar sich selbst und die Welt vergessen und verhielten sich in dem strahlenden Licht der Kronleuchter reglos, als sei die Mainzer Hofgesellschaft nichts als ein pflanzenhaftes Produkt der Natur von pfauenhafter Buntheit, — zuckten aber mit unzähligen Herzen, dachten mit unzähligen Häuptern, konnten den Augenblick der Entzauberung nicht erwarten, da das Orchester verstummen würde, brüteten über den Sätzen, mit denen sie sich selbst wieder vernehmen lassen und hören würden: ganz gut, Herr Haydn, ganz gut, aber Sie hatten allzulange das Wort!

Sieh, der Kurfürst beugte sich bereits zu seiner Freundin hinüber und flüsterte ihr etwas zu. Die Symphonie, ohne Pause in das Rondo hineinstürzend, verwirbelte in Kreiseltänzen wie ein lerchenhaft enteilender Himmelsbote, von dem in Raserei verfallenden Kapellmeister gejagt. Überall bewegten sich die Köpfe, die Schultern, kam Leben in starre Gesichter, wurde Beifall bereit gestellt. Der Coadjutor Dalberg tauschte Kennerblicke mit Heinse, und Müller, der bis jetzt in sich versunken, den chapeau bas unter dem Arm, an einem Fensterpfeiler gelehnt hatte, hob plötzlich den Kopf und sah ohne umherzusuchen zu George auf, der ihm mit einem grüßenden Lächeln begegnete. Nun, — dies war wieder etwas, wie die ab und zu gewechselten französischen Billets sachlichen Inhaltes, etwa über ein Buch aus der Bibliothek, die manchmal so überraschend emphatisch schlossen, „tout à vous, de cœur et d’âme,“ oder geheimnisvoll verhalten mit dem lateinischen „Tuus“, „Totus tuus!“, das wie eine Schwurformel der Verbundenheit klang. George, noch immer an der einsamen Gestalt dort unten hangend, die sich längst von ihm abgewandt hatte, gab sich mit einem unbewußten Seufzer nach. Er verstand diesen Mann so wenig wie nur je. Er sah ihn ab und zu im Fluge bei Frau von Coudenhoven, wenn er ins Schloß kam, um dem jungen Coudenhoven das wöchentliche Privatissimum zu lesen. Hier fand er Müller zuweilen, plaudernd und anscheinend ganz à son aise in dieser Atmosphäre höfischer Geselligkeit, in der George nur beklommen atmete. Im übrigen lebte er einsiedlerhaft, amtlichen Geschäften und wissenschaftlichen Arbeiten hingegeben, ließ jeden Besucher abweisen und — nun ja, er lächelte George zu und schrieb ihm Billets, aber er entzog sich seinem Umgang und schien es nicht wissen zu wollen, daß ungehobene Schätze in dem Gebirge lagen, das zwischen ihnen beiden sich türmte. —