„Zu dem die Demoiselle meines Wissens keinen Anlaß hat, — au contraire, sie scheint mir eher der Freiheit müde zu sein,“ bemerkte Dorsch mit einem pfiffigen Blick auf den mürrisch-teilnahmslosen Sömmerring.

George dachte zum drittenmal an diesem Abend: „Therese sieht so bleich“, und dachte: „das Wochenbett hat sie allzusehr angegriffen …“ Er brachte Verwirrung in das Spiel und verlor, weil er die Augen und seine Gedanken immer wieder zu der kleinen Gestalt hinüberwandern ließ, die da so hilflos in dem großen Lehnstuhl kauerte. — —

„Wann habe ich sie denn je genug geliebt?“ dachte George und ging leise durchs Haus, als läge irgendwo ein Schlafender, der nicht geweckt werden durfte. Seit dem Herbst, — ja, seit die kleine Claire auf der Welt war, versicherte er sich, — war Therese verändert, war in ihrem Wesen etwas Neues, das ihn ratlos machte und erschütterte, eine Geduld war da, eine Sanftmut, eine Bereitschaft für ihn, auf die zu hoffen er längst aufgegeben hatte, — oh, und er begriff nicht ganz, aber er war namenlos gerührt, die Tränen kamen ihm zuweilen, wenn er ihr stilles Wirken vernahm und die kleinen Lieder hörte, die sie vor sich hinsummte. Andere singen aus Fröhlichkeit, wußte er, Therese singt wohl aus einer unendlichen Wehmut des Herzens, und weil sie nicht weinen will, — aber er dachte nicht weiter, höchstens kam ihm die Erinnerung an die endlosen Lieder der Wolgaschiffer. Er war sehr krank in diesem Winter, das alte skorbutische Übel war wieder da und durchwühlte seinen Körper, ausbrechend in strömenden Katarrhen, schmerzhaften Anschwellungen aller Gelenke und Migränen, die ihn nahezu erblinden ließen in rasender Pein. Aber war es nicht gut, sich pflegen zu lassen? Anerkennung zu ernten dafür, daß man trotz aller Bresthaftigkeit am Schreibtisch saß, dafür, daß man der Geplagte, der Unermüdliche, der Tapfere war? Sie waren wohl alle drei ein wenig krank, auch Huber, der so lautlos kam und ging und so blaß war und still wie der Mond, gar nicht mehr genialisch hereinstürmte und trüb und wild in den Ecken lehnte wie einst. Es war fast unmöglich zu denken, daß er einmal bei den Mahlzeiten nicht dabeigewesen war, fand George, denn es gab nun doch eine Art des Ideenaustausches, der mit einer Frau nicht zu unterhalten war, so anmutig und unentbehrlich Theresens Einfälle auch waren. Es gab einen aufmerksamen Hörer am Tisch, einen, dessen stumme, unbedingte Bewunderung einstmaliger und gegenwärtiger Leistungen zu einem Bestandteil der häuslichen Atmosphäre wurde, ohne die nicht mehr recht zu leben war. Man hatte einen Berichterstatter vom Hof im Hause, der nun wahrlich das theatrum mundi aus erster Hand genoß und mit der Wiedergabe seiner Eindrücke nicht sparsam war; man konnte also den großen Herren ein wenig in die Karten sehen, und das war außerordentlich lehrreich. Im übrigen tauschte man seine schöngeistigen Korrespondenzen aus, und die Briefe Jakobis und Lichtenbergs, Körners und Schillers boten Anlaß zu den erbaulichsten Gesprächen. Der Ablauf des Tages war unerschöpflich an Dingen, der Erörterung wert; es war nicht nötig, von sich selbst zu sprechen. Bisweilen geschah es wohl, daß Huber schon am Teetisch anwesend war, wenn George, vor Müdigkeit taumelnd, aus seinem Kabinett herüberkam. Doch da waren die Herren Thümmel und Hermes, sonderlich aber der Herr Lafontaine mit seinen allerliebsten Erzählungen von der „Gewalt der Liebe“, oder die unschätzbare Madame Naubert mit ihren lehrreichen und poesievollen Romanen, zum Exempel dem „Alf von Dulman“. Dies waren die Herrschaften, die George immer antraf, wenn er das Zimmer des grünen Kanapees betrat und Huber dort schon am Teetisch bei Therese fand, und hörte er nicht schon vom Saal her, — das Zimmer des immer noch neuen und heimlich sehr geliebten Kronleuchters führte den Namen eines Saals, — die monotone Stimme des Vorlesers, so vernahm er die Töne des Spinetts, an dem Huber saß und leise spielte. Ja, dieses war gewiß: man hatte sich untereinander wohl vieles zu erzählen, man hatte sich aber wenig zu sagen. Ein langes Schweigen löste sich zuweilen in ein Lächeln auf, es lächelte Therese, die vielleicht lange ins Licht gesehen hatte, und beugte sich wieder über ihre Arbeit, es lächelte Huber und sah aus wie ein ertappter Knabe, es lächelte dann auch George vor sich hin. Dies alles war sehr gut, fand er. Denn was konnten Menschen einander Besseres erweisen, als sich so zu schonen, wie sie es gegenseitig taten, miteinander den Weg zu gehen, den weiten, weiten Weg, und über die Beschwerden des Tages hinweg nach dem verborgenen Ziel zu spähen? —

So war der April gekommen, und sichtbar über den Horizont stieg die Verwirklichung eines Projektes, das seit Monaten in Briefen und Unterhaltungen hin und her gewendet, nach allen Seiten erwogen und vorbereitet worden war, des Planes einer Reise in die Niederlande, nach England und nach Frankreich, auf der George als Mentor den jüngeren Bruder Wilhelm von Humboldts, Alexander, begleiten sollte. Es war unmöglich, die Vorzüge einer solchen Reisemöglichkeit für ihn zu übersehen, indessen ward George nicht müde, sie immer von neuem aufzuzählen, als müßte er sich verteidigen, daß er an solche Unternehmungen dachte, allein und ohne die Absicht, Therese mitzunehmen. Jedoch, die Kinder, — nicht wahr? Und die in diesen Zeiten nicht wieder einzubringenden Kosten, die den Luxus einer bloßen Vergnügungsreise verboten. Er hingegen, er flog eben aus, wie die Biene, die Honig sucht, Beobachtungen, die Stoffe zu ganzen Büchern enthielten, würde er einsammeln, an Ort und Stelle Eindrücke der großen französischen Umwälzung einheimsen, in den Londoner naturhistorischen Kabinetten die notwendigsten Studien zu dem großen Werk über Pithekologie machen, das er mit Sömmerring dann alsbald in Angriff nehmen würde, einem epochemachenden Werk über die Verwandtschaft des Menschen mit der Tierwelt …

„Und das Descriptio Plantarum? Und die Geschichte der Südseeinseln?“ hatte Therese bei der Erwähnung dieses Reisezweckes einmal ganz beiläufig gefragt.

Dafür würde er Verleger und Unterstützung in London eher finden als in Deutschland, und nur der Aussicht auf eine erfolgreiche Drucklegung bedürfe es noch, um dieses Buch zur Kristallisierung zu bringen, da denn sein Material längst fertig daläge! Ob sie etwa geglaubt hätte, er ließe dies Lieblingskind seines Geistes einfach fallen? O, sie hatte gar nichts geglaubt, — sie hatte nur so gefragt. „Und warum dieser Seufzer?“ Aber sie hätte wirklich nicht geseufzt, ihres Wissens nicht, — sie hätte nur an den alten Herrn, an seinen Vater denken müssen. Und George, weit entfernt davon, den Gedankengängen nachzuspüren, die von seinen Projekten zu dem König Minos geführt hatten, sagte eifrig: „Du hast recht, — auch um seinetwillen ist es von Wichtigkeit, daß der Name Forster in London wieder genannt wird und an die Gewissen schlägt!“

„Ja, hoffst du denn immer noch?“

„Mein Kind, der, der sich seines Rechtes bewußt ist, hofft nicht, er weiß!“ — — —

Am Nachmittag des ersten Mai kam der kurfürstliche Leibarzt Geheimer Rat Hofmann dem in Begleitung des Legationssekretärs Huber gemächlich die Tiermarktstraße in der Richtung der Großen Bleiche hinaufschlendernden Hofrat Forster entgegen, grüßte und sagte mit dem Pathos des ironischen Plebejers: „Ich bin gewürdigt worden des Anblicks von Ihrer Eminenz, der Baronin von Coudenhoven. Sie saßen mit Erlaucht der Gräfin Ingelheim in einem karmoisinroten Staatswagen, wurden von vier fetten Apfelschimmeln gezogen und geruhten nicht, den Staub zu ihren Füßen zu bemerken, welch selbiger doch eine gewisse Vertrautheit mit jedem Hühnerauge dieser Füße nicht verleugnen kann. Ich bin gewürdigt worden des Anblicks so vieler Schönborns, Bassenheims, Eltzens, Greiffenklaus, Wolffs, Dünewalds, daß meine geblendeten Augen schmerzen und ich nun wahrlich überzeugt bin: der Frühling ist da — denn ein hoher Adel fährt wieder spazieren!“

„Die erste Piroutchade!“ rief Huber mit hochgezogenen Augenbrauen vergnügt und spähte nach der Großen Bleiche hin, wo an der Mündung der Tiermarktstraße vorüber ein ungemein buntes Gedränge von Menschen und Wagen sich schob. Pünktlich mit dem ersten Mai nahm die Hofgesellschaft den angenehmen Zeitvertreib der Korsofahrten wieder auf, und eine schillernde Schlange von Karossen, Piroutchen und englischen Kutschen wand sich die schönste und breiteste Straße der Stadt hinauf und hinunter, während die promenierende Bürgerlichkeit den Vorteil dieser großen Modeschau und der Musik der beiden Kapellen genoß, von denen die eine im Schloßgarten, die andere auf dem Münsterplatz unverdrossen blies und fiedelte. „Die erste Piroutchade!“ sagte Forster mürrisch, „also ist die Große Bleiche nicht passierbar!“ Er machte auf dem Absatz kehrt.