Gewiß, er wäre auf keinen Fall diesen ersten Abend allein mit Therese und den Kindern gewesen, auch wenn die biedere Gestalt Sömmerrings im braunen Schoßrock und die leichtgeschürzte der Madame Forkel in überblümtem Mousseline da nicht seine Haustür flankiert hätten, wie die Penaten der Heiterkeit und des Fleißes. Auf alle Fälle wäre Humboldt zugegen gewesen, da er nun einmal bei ihnen logierte, — einen Fremden hätte es also unvermeidlich am Tisch gegeben, trotz des Fernbleibens des guten Huber, der aus Delikatesse an der Table d’hôte im Hôtel National speiste, um das Wiedersehen nicht zu stören. Immerhin hätte sich der guterzogene Reisegenosse vielleicht früh zurückgezogen, und wenn dann eben Sömmerring und die Forkel nicht dagewesen wären …
Aber warum verdarb er sich die erste Stunde der Heimkehr mit solchen Reflexionen! Hatte Therese diese Gäste zu seiner Begrüßung eingeladen, so war es geschehen aus demselben Grunde, aus dem sie die Türen mit Buchs bekränzt und den Abendtisch im Saal mit Rosen geschmückt hatte, aus dem sie im weißen Kleide mit Blumen in den Haaren ihm entgegengekommen war, aufgeregt fröhlich und das winzige Clairchen ihm hinhaltend wie ein Weihegeschenk. Therese freute sich, daß er wiederkam, Therese lachte, Therese tanzte, Therese feierte ein Fest, — konnte ein Fest von Therese ohne Gäste sein? Er ging durch die Räume, das glückliche Röschen an der Hand, das im gelben rotpunktierten Kleidchen manierlich einherschritt wie eine junge Dame und zuweilen behutsam zu ihm auflächelte, — ja, er lächelte auch, aber warum fühlte er sein Lächeln schmerzlich wie eine Grimasse? Es gab da kleine Veränderungen in den Zimmern, die er mit dem Spürsinn seines überreizten Gehirns auf den ersten Blick wahrnahm, wie die neue Anordnung von Bücherreihen in der Wohnstube und dies, daß sein Portrait, das von Tischbein gemalte, einen anderen Platz bekommen hatte und im Saal hing, nicht mehr dem grünen Kanapee gegenüber. Ja, das mochte ganz gut sein, war es ihm nicht selbst oft ridikül gewesen, daß er da von der Wand herab sich selber zugesehen hatte, wenn er hier mit Therese gesessen hatte, abends, auf dem grünen Kanapee? Freilich, die letzten Monate, da hätte Therese das Bild wohl hängen lassen können, sich zur Gesellschaft, die Monate, die sie hier allein gesessen hatte … Er ging umher, ruhelos, trotz der Reisemüdigkeit. Waren es diese kleinen Veränderungen, die die Wohnung so fremd erscheinen ließen? War er zu lange weg gewesen? Ach, die große englische Uhr im Saal war stehen geblieben, er öffnete die gläserne Tür und während er aufziehend die schweren Messinggewichte im Gehäuse emporleierte, fiel sein Blick auf die kleine Scheibe im Zifferblatt, die, von Mond und Sternen umgeben, das Datum anzeigte. Sie stand auf dem 6. Mai, dem Tag nach seiner Abreise. Machte es ihn denn so mutlos, daß die Uhr hier geschwiegen hatte, die ganze lange Zeit über, daß er weg gewesen war?
Lustig, lustig, Therese feierte ein Fest! Hatte er unterwegs etwa gedacht, er wollte sich früh niederlegen, den schmerzenden Kopf auf kühle Kissen betten und dann sollte Therese in der dämmerigen Sommernacht an seinem Bett sitzen und er wollte ihr erzählen und fühlen, daß er wieder daheim war? Nun, das ging jetzt freilich nicht. Er mußte hier in guter Haltung den liebenswürdigen Hausherrn spielen, der Forkel ein wenig die Cour machen und Sömmerring in die ärztlichen Forscheraugen blicken, ihm Bericht erstatten von den Kollegen in Harlem, in Oxford. Er hielt nicht still Theresens Hand. Jedoch es hielt Therese seine Hand, das war ja wahr. In den Essenspausen und als abgespeist war, suchte ihre fiebrige kleine Rechte seine Linke, die schlaff und müde auf dem Tischtuch lag, und während Therese über den Tisch hinüber lachende Rede und Gegenrede mit Humboldt tauschte und mitten darin die Funken ihrer Heiterkeit in seine Unterhaltung mit Sömmerring sprühen ließ und der Forkel eine Rose an den Kopf warf und der aufwartenden Marianne zurief: „Hurtig, Mädchen, der Herr ist wieder da!“ — ja, während der ganzen Zeit fühlte er sich geliebkost, hastig gestreichelt, hörte sich zum Essen, zum Trinken ermuntert.
„Bin ich denn auch ein Gast hier?“ dachte er in schrecklicher Benommenheit, — „was ist dies nur? Was blickt mich Sömmerring so an?“
Er trank hastig hintereinander ein paar Gläser Wein. O ja, nun war er zuhause! Er legte den Arm um Therese, fühlte das Beben ihrer Schultern und alle Müdigkeit war dahin. Eine reißende Beredsamkeit entfesseln, die Holländer loben, die Engländer schmähen, die Franzosen in alle Himmel erheben, — Ditters Gassenhauer zitieren und von der göttlichen Miß Siddons schwärmen, — aufspringen, die kleine Spieluhr aus Paris mit dem eingelegten Rosenkränzchen auf dem polierten Deckel herbeiholen, die dem Röschen mitgebracht worden war, sie aufziehen und das kleine Menuett von Rameau tränenden Auges mitsummen, — dann von den indischen Shawls der englischen Damen fabulieren und Therese anblinzeln, auch von einem weißen Kreppflor zum Kleide Andeutungen machen und von einem Teppich, der unter The Resolution liegen sollte und kleinen Füßen im Winter zur Erwärmung dienen, — kurzum, gesprächig sein, munter, munter, und Humboldt zum Trinken nötigen! Sömmerring, der vertrug das ja nicht, — aber stand da nicht Huber unter der Türe? „Endlich, endlich, teurer Freund und Bruder!“ Redete ihm Huber zu, doch Platz zu behalten, führte er ihn zu seinem Stuhl zurück, weil er ein wenig taumelte? Saß dieser Huber in seinen prall anliegenden Escarpins und im bordeauxroten Frack nun lächelnd an seiner Rechten und legte die Hand auf seine Schulter, wie Therese es im gleichen Augenblick an seiner Linken tat, und sagte sie da nicht mit überschlagender Stimme: „Huber, Huber, wie ist Ihnen? Da haben wir ihn wieder!“ Warum starrte die Forkel so töricht in ihren Schoß, warum saß Sömmerring so düster da und Humboldt so ratlos? Er, George, würde jetzt einen Scherz machen, man gebe acht. Er hob den Zeigefinger: „Huber, Huber, Sie trugen sich doch sonst so dunkel, ei, ei, sind Sie wie ein Vogelmännchen in der Brunstzeit am schönsten befiedert?“
Es lacht ja niemand sehr, dachte er, mit schweren Augen in die Runde spähend, und gleichzeitig: warum übrigens eigentlich Brunstzeit? „Und singen Sie dann auch?“ fügte er zögernd hinzu. Er erwartete durchaus keine Antwort, gab den Kreiselbewegungen seines Gehirns nach und versank in ein leeres Vorsichhinbrüten. Endlich wieder zu sich kommend erblickte er Humboldt mit Sömmerring in angelegentlicher Unterhaltung, sah die Forkel schläfrig und vereinsamt und hörte über sich weggehen ruhiges Gespräch zwischen Therese und Huber. „Wenn die Ehemänner des Mittelalters auf Reisen gingen, legten sie ihren Frauen einen Keuschheitsgürtel an, zu dem sie allein den Schlüssel besaßen …“ Oh, mein Gott, hatte er das eben laut ausgesprochen? Nein doch, nein doch, auf welche Gedanken kam er! Er hatte es nicht gesagt, nein doch, sie redeten ja alle ruhig fort, er saß da wie im Theater und hörte zu. Aber, — nochmals! — mein Gott, mein Gott! Ich bin doch selber auf der Bühne, und was ist denn hier nun meine Rolle?
Es war eine Pantomime von fürchterlicher Lautlosigkeit. Dergleichen erleben wir in Träumen. Vorgänge alltäglichster Art spielen sich um uns her ab, es lachen Menschen, es trauern Menschen, es tanzen Menschen, sie winken sich zu, sie gehen Hand in Hand und trennen sich wieder, — vielleicht pflücken Kinder Blumen und gehen im Ringelreihen, vielleicht steht irgendwo in einer rätselhaft engen Straße ein Haus in Flammen und aus den Fenstern beugen sich in Todesangst Gestalten, die wir lieben, und wir stehen gelähmt in der Ferne, — holde und doch schreckliche Masken, die wir nicht deuten können, wandeln an uns vorüber. Es hat alles eine Beziehung auf uns, eine geheime wahnwitzige Bedeutsamkeit, auch die geringste Gebärde, das Fallen einer Apfelblüte vom Baum und das Zerbrechen eines Spielzeugs. Wir stehen und fühlen den Wirbel, der unsere Ebene mit allem, was unser, ach, unser, von unsern Augen, unserem Schicksalskreis allein bedingter Horizont umschließt, ergriffen hat, einen Wirbel, so rasend, daß wir ihn empfinden wie Stillstand, und nur durch den Luftdruck, der uns dem Atem benimmt, wissen, es geht abwärts, es — geht unter. Wir stehen und warten auf das Zeichen, warten auf den Fall der Apfelblüte oder ein ruchloses Lächeln oder das Nicken eines gigantischen Hauptes, — auf das Zeichen, das wir erkennen, auf das hin wir hineinschreiten werden in die stumme schreckliche Handlung, um unsere Sendung zu erfüllen. —
Durch die innersten Windungen des Labyrinthes führt uns der tödliche Wirbel der Sinnlosigkeit. —
Riesenhaft und drohend in Unberechenbarkeit wankten die Lenker des europäischen Geschicks um den äußeren Umkreis der Szene. Mirabeau versank und mit ihm fiel Bourbon, an ihrer Stelle stieg apokalyptische Ungestalt, die Souveränität des Volkes. Preußen und Österreich ballten ihre Macht zusammen. In der Affaire von Lüttich gab es ein Miniaturvorspiel, eine Ouvertüre, in der alles enthalten war, was die Zukunft bringen sollte. Die Atmosphäre war mit ungeheurer Spannung geladen, Funken zuckten hinüber und herüber, irrten ab, erschlugen in Schweden den König, ließen hier und dort winzige Aufstände aufprasseln und im grünen gespenstischen Schein des Wetterleuchtens uralte Zustände fremd und verwest daliegen, wie Tote, die man vergaß zu begraben. Die Flüchtlinge von Westen mehrten sich und fanden im Kurfürsten von Mainz einen cher père et protecteur, der seine Sonne aufgehen ließ über Condé, Artois und allem, was zu ihnen schwur, und der es völlig überhörte, daß es auch die Bezeichnungen eines Abbé de Mayence und eines Gentilhomme parvenu für ihn gab. Studenten und Zünfte prügelten sich und altgediente Professoren bekamen blutige Kopfe, die Pfaffensoldaten, die auf das Volk von Lüttich hatten schießen müssen, kamen heim und nahmen ihren alten Dienst wieder auf, bei den Prozessionen und Hoffesten Spalier zu stehen. Die Lesegesellschaft, zusammengesetzt aus Beamten und Gelehrten, Schullehrern und Kaufleuten, nährte sich nicht mehr allein vom Belles-lettres-Fach und den Naturwissenschaften, sondern von Pariser Flugschriften, und im Universitäts-Kaffeehaus in der Quintinsgasse hob der Kellner Vespery, der sich selbst gern als einen Polyhistor und Tausendsasa bezeichnete, den Moniteur neuesten Datums für seine Günstlinge auf.
Sonst aber, — noch kein Anlaß, sein Leben zu ändern! —