Es gab für George eine neue, vorteilhafte und vielversprechende Verbindung mit der Vossischen Buchhandlung in Berlin. Es gab neben der Ausarbeitung seiner jüngsten Reiseerinnerungen, die dem Publikum allmählich in drei Bändchen unter dem Titel „Ansichten vom Niederrhein“ dargeboten werden sollten, endlose Rezensionen, endlose Übersetzungen, endlose, endlose Lohn- und Frohnschreibereien. Es gab literarisch-politische Erregungen, etwa über Hohlköpfe und Perückenstöcke, die die Revolution angriffen, wie Herr Girtanner in Göttingen oder über einen englischen fat, der sein Licht gegen ihre Schattenseiten leuchten ließ und gegen sie andeklamierte, wie Burke in London, es gab zuweilen einmal Grund, sich selbst als den Mäßigen, Klugen, Gerechten zu empfinden, wenn ein Mann wie Schlosser — oder ein anderer, — die Franzosen verdammte, — gab Gelegenheit, sich als den Sparsamen, Haushälterischen, Zurückhaltenden zu loben, wenn man wahrnahm, wie ein Liebling des Publikums, der so vergötterte Goethe in Weimar, ein Ding auf den Markt zu bringen wagte, wie den „Groß-Kophta“, ein fades Machwerk ohne einen einzigen Gedanken darin! Nun wenigstens war George Forster so ausgelaugt noch nicht, wenn schon noch kein Liebling der Lesewelt. Dies würde bald kommen. Möchten nur die Herren, die für ihre Mädchen, Läufer, Lakaien und Musikanten oder Poeten (siehe den Herzog von Sachsen-Weimar!) täglich Hunderte ausgaben, möchten sie doch nur erst endlich einsehen, daß sie mehr Ruhm davon hätten, wenn sie einen Gelehrten, dessen Werk ihren Namen durch die Jahrhunderte tragen würde, dermaßen unterstützten, daß er vom Joch der Tagesschriftstellerei befreit schreiben könnte, zum ersten: das Descriptio plantarum der Südsee, und zum zweiten: die Geschichte der Südseeinseln. Weiteres würde sich einstellen. Auf der Suche nach solcher Fürstengunst schrieb man dann an Müller, an Dohm, an Voß, unter ausführlicher Darlegung aller Schwierigkeiten, mit denen man zu kämpfen hatte, erntete verlegene Gegenbriefe, Ratschläge und verhüllte Ablehnungen und hatte Anlaß, sich gegenüber einer ausgearteten Hierarchie und Aristokratie als Glied einer edleren und besseren Mittelklasse zu fühlen, — keinen Anlaß, sein Leben zu ändern.
Wollte der alte Heyne wieder erziehen? Stellte er warnende Beispiele von verschwenderischen Herren aus Göttinger Universitätskreisen auf, mit denen es dann schief gegangen war? Von lauter Herren mit Vorliebe für englische Façons und englisches Mahagoni!? Rang er von ferne die Hände über Georges politische Ansichten, die doch weiß Gott, sich milde genug äußerten, und warnte er, warnte er?! Sprach er von „dem Zentrum des Studierstübchens, von dem aus er ohne zu staunen durch ein klein Fenster oder einen Ritz das Narrenspiel der Welt mit ansähe“? Oh, wußte denn dieser alte Mann, was seine Frau Tochter bei ihrem Lilienleben auf dem Felde verbrauchte und wer im Hause es eigentlich war, der den Ofen des politischen Enragements nicht ausgehen ließ? Ei, da hatte er Anlaß, vom Geist hannöverischer Teegesellschaften zu reden und von dem Geist Englisch-Hannovers im allgemeinen, — von wo aus sich unschwer der Übergang bot, auf den Geist Alt-Englands überhaupt zu kommen und auf alte Geschichten, — Anlaß somit, sich gründlich auszusprechen, keinen Anlaß indessen, sein Leben zu ändern.
Gäste kamen und gingen durchs Haus, durchreisende und die alten in Mainz ansässigen Freunde. Zu dem Kreise um den abendlichen Teetisch gesellte sich zuweilen August Lux, ein junger Rousseau-Schwärmer, der draußen in Kostheim sein kleines Landgut bestellte, ein Kind nach dem andern zeugte und es in seliger Freiheit mit seinen Kälbern und Ferkeln aufwachsen ließ, — zuweilen der Ingenieur Eikmeyer, der Ausbauer der Festungswerke, — es gab unendliches spekulatives Raisonnement, wozu die Nachrichten und Gerüchte des Tages mehr Stoff als genügend boten.
Und da war seit dem Frühjahr 1792 Karoline Böhmer, die verwitwete Karoline, die mit ihrer kleinen Tochter einen Zufluchtsort gesucht hatte und von Therese mit einer gewissen Leidenschaftlichkeit nach Mainz eingeladen worden war. Oh, Therese hatte ein so starkes Menschenbedürfnis und besaß in Mainz noch immer keine Freundin, denn Frau Forkel kam nicht in Betracht. Was war also Wunderbares an dem Wunsch, Karoline in der Nähe zu haben, Karoline, die nun täglich ins Haus kam und mit der milden Heiterkeit ihres Geistes an allem teilnahm, was die Freunde betraf?
Jedoch es kam auf alles dieses garnicht an. Auf dem Hintergrund der Tage voll Arbeit, Krankheit, Mühsal, voller verschlungener Jahreszeiten mit Blumensprießen, Ernte und Blätterfall, auf dem Hintergrund, in den die Gestalten der Freunde hineingewebt waren wie wandelnde Gobelinfiguren und auf den das europäische Geschehen Widerschein und Schatten warf, auf diesem Hintergrund spielte sich das Folgende ab. —
Es waren zwei zeitlich fast durch ein Jahr voneinander getrennte häusliche Ereignisse, aber für George schmolzen sie seltsam in eins zusammen und er vermochte sie später in der Erinnerung nicht voneinander zu trennen. Sie begannen damit, daß seine Arbeitsruhe gestört war durch eine Beobachtung, die er sich zunächst nicht eingestehen, die er nicht wahr haben wollte und vor der er sich in die Bibliothek zurückzog, um sich dort wochenlang zu vergraben. Immerhin nutzte es nichts, dann bei den Mahlzeiten und abends bis zum Einschlafen den Gesprächigen zu spielen, ja den reißend Geschwätzigen, der sich Mitteilungen des anderen in den kurzen Stunden des Beisammenseins weislich vom Leibe zu halten wußte, nutzte nichts, wenn man sich leidender gab, als man wirklich war, und in Haltung und Gebärde die verzweifelte Bitte ausdrückte, einen mit folgenschweren Mitteilungen zu verschonen. Dies alles ließ sich höchstens sechs bis acht Wochen durchführen und dann, — dann kam eben doch der Abend, an dem es Hohn gewesen wäre, sich dem Augenschein länger zu verschließen, an dem er übrigens plötzlich von Gewissensangst, Pflichten versäumt zu haben, tief beunruhigt fragen mußte: „Ist es an dem, Therese, — ist es denn wirklich an dem?“
Das Besondere war, daß Therese, die ihn in der Erwartung des Röschens und der kleinen Claire immer von ihren Hoffnungen unterrichtet hatte, fast noch ehe sie sich bestimmter Anzeichen erfreuen konnte, ihn bei diesen beiden Kindern ganz seinen eigenen Ahnungen und Wahrnehmungen überließ, daß sie die körperliche Anfälligkeit der ersten Monate in keiner Weise zur Schau trug und ihr Möglichstes tat, durch eine passende Kleidung den wachsenden Umfang ihres Leibes zu verbergen, so daß er von beiden Kindern erst erfuhr, als die Mutter ihr Leben schon fühlte und auch dann erst auf jene Frage hin, die er nicht mehr unterdrücken zu können glaubte. Dies, so stellte er über seine Arbeit gebückt aber stundenlang ohne fortzuarbeiten grübelnd fest, dies war Rücksichtnahme von Therese, ohne Zweifel. Er bewegte den Kopf leise hin und her und stöhnte, begegnete seitlich blickend, als wollte er vor irgend etwas ausweichen oder suchte etwas, seinem in der zurückgeschlagenen Scheibe des offnen Fensters gespiegelten Bilde und starrte erschrocken hin. War er denn das, der den Kopf so zwischen die Schultern zog, der so scharfe Falten von der Nase zum Munde hatte, zu diesem in Qual verzerrten und lautlos geöffneten Munde? Hatte er diese Augen mit der zerknitterten Stirn, den gewulsteten Brauen darüber, diese Augen voll Abwehr, Argwohn und Angst? Oh, abgewandt von diesem trüben Spiegelbild richtete er sich hastig auf, ordnete seine Züge durch ein Lächeln von innen heraus, wie er meinte, und sagte sich von neuem: Rücksicht war es und Rücksicht allein, der Wunsch, ihm Zukunftssorgen so lange wie möglich zu ersparen, Liebe also, für die er zu danken hatte, auf Knien zu danken! Rücksicht jedoch, hatte er seit seiner Heimkehr aus England gelernt, konnte fürchterlich, konnte erstickend, konnte zum Fluch werden. Er begriff es nicht, warum jetzt fortwährend Rücksichten auf ihn genommen wurden, auf seine Appetite, seine Launen, seine Zeiteinteilung, seine Wünsche über Kindererziehung, auf sein Befinden, seinen Geschmack in allen und jeden Dingen, — daß er fortwährend gefragt wurde, ob er zufrieden sei, ob er’s auch anders haben wollte? Daß das Röschen angehalten wurde, auf den Fußspitzen zu gehen und nicht zu plaudern, wenn er Kopfschmerzen hatte, daß das kleine törichte Clairchen dann wenn es schrie in das entlegenste Zimmer verbannt wurde; daß niemand mehr hinging und auf seinem Schreibtisch Ordnung machte, was er sich früher zu hundert Malen umsonst verbeten hatte; daß bei Tisch Gespräche fallen gelassen wurden, wenn er merken ließ, daß sie ihn verstimmten; daß er so viel angelächelt wurde; daß die Umschläge, Einreibungen und Medikamente für ihn immer vorhanden waren. Alles, alles dieses, das er früher entbehrt hatte, bis er die Entbehrung gewöhnt gewesen war, er besaß es jetzt im Überfluß, er ging wie auf Watte, seine Wände waren gepolstert, Therese pflegte ihn und Huber schonte ihn und beide waren so einig darin, daß er geliebt werden müsse. Sie blickten sich an, und dann kam ein Vorschlag, der ihm Freude machen sollte, etwa, ob er nicht einmal wieder auf den Abend die Kupfer zur Südseereise ausbreiten und ihnen erklären wolle, oder die australischen Muscheln zeigen oder aus den „Ansichten“ vorlesen, — sie blickten sich an und dann zog sich Huber zurück, und er blieb mit Therese allein, — sie blickten sich an, und dann überredeten sie ihn gemeinsam zu dem oder jenem, wozu er vorher keine Lust gehabt hatte. Und mit der Zeit blickten sie sich auch garnicht mehr erst an, sondern was der eine meinte, das sprach der andere aus, sie waren aufeinander eingespielt, waren in einem Einverständnis der Liebe zu ihm, wußten ihn zu nehmen, — oh, und er, anstatt dankbar zu sein, anstatt auf den Knien zu lobpreisen für das Himmelsgeschenk, das ihm da wurde, er knirschte, er ballte heimlich die Fäuste, er hätte gerne um sich geschlagen und Luft gemacht — und wußte doch, das wäre wie ein Schlag ins Wasser gewesen oder ein Versinken in Federkissen! Denn sie waren so unangreifbar freundlich, die beiden, ihre Gelassenheit so unzerstörbar, so ruhig der Glanz der Heiterkeit auf ihren Stirnen. Und da hatten sie es nun für gut befunden, ihm vorzuenthalten, daß er wieder Vater werden sollte, — oder nein doch, Therese hatte es für gut befunden, es ihm und aller Welt und somit auch Huber so lange zu verbergen, als es immer nur anging. Er erklärte es sich ja, er verstand, — es waren diese beiden jungen Männer am Tisch, Huber und Mr. Brand mit seiner englischen Prüderie, da durfte selbst er es nicht wissen, ehe es nicht mehr zu umgehen war, nur damit er durch Fürsorge und Aufmerksamkeiten die Blicke nicht auf sie zöge. So war es, redete er sich ein, natürlich, so war es! Was sollte es auch sonst …
Oh, Huber war der beste, treueste Freund, er nahm wie ein Bruder an allem teil, was seine Forsters anging! Er war es, der in den Nächten, wenn die Entbindungen herannahten, kaum schlief, sich höchstens angekleidet niederlegte oder stundenlang auf- und niederging, — man konnte seine leisen ruhelosen Schritte in der ehelichen Schlafkammer vernehmen. Er war es, der dann zur Hebamme lief, den weiten Weg durch die ganze Stadt zum Cöstrich, den des Nachts keine Magd allein machen wollte, während George am Bette der Leidenden saß, bereit, die erste Hilfe zu leisten, halber Mediziner, der er einmal war.
Dann waren diese Stunden des Wartens, erfüllt vom herben Duft des schnell entfachten Holzfeuers im Ofen, das sausend brannte, vom Geruch nach Fenchel und Baldrian, und unruhig gemacht von der aufgeregten Geschäftigkeit der Mägde. Da war das Stimmchen eines der Kinder, das, im Schlaf gestört, klagend weinte und mählich wieder verstummte. Da war Theresens Flüstern: „daß nur Brand nicht geweckt wird, — sie sollten doch leiser gehen …“ und wenn er dann auf den Fußspitzen auf den Flur gegangen und zur Vorsicht gemahnt hatte, ihr dankbarer Blick und dann wieder ihre Augen geradeaus gerichtet ohne Ziel oder mit einem Ziel im Unsichtbaren, bis von neuem die ratlose Angst hindurchflackerte, um gleich einem Ausbruch unbedingter Entschlossenheit zu weichen, bei dem die kleinen Hände sich ballten, der Kopf zurückgeworfen ward, der ganze Körper sich straffte und so dem Krampf der Wehe begegnete. Sie griff nicht nach seinen Händen, o nein, — aber warum wagte er es denn auch nicht, die ihren zu fassen, warum redete er ihr nicht zu, sich festzuhalten, warum stützte er sie nicht, wie er doch so gern getan hätte, — warum saß er hier und starrte aus einer entsetzlichen Ferne des Herzens hinüber in ihren Kampf? Warum konnte er nicht zu ihr, warum lag diese undurchdringliche Einsamkeit des Stolzes und der Tapferkeit um sie her?
„Therese …“ murmelte er erschüttert, wenn es vorbei war, ja, und sie lächelte ihn an mit einem vergehenden Lächeln von Güte, als sei er es, der gelitten habe. Er legte die Hand über die Augen.