„Wie lange ist er schon fort?“ flüsterte sie.

George sah auf seine Uhr: „Eine Viertelstunde, — noch ein wenig Geduld …“

Draußen schleuderte der Wind Regenschauer gegen die Fensterscheiben, — immer waren dies Frühlingsnächte. Immer murmelte Therese dann etwas wie: „Daß er nun so hinausgelaufen ist mitten in der Nacht“ und „Ist er nicht gut?“ Immer meinte George darauf antworten zu müssen wie auf einen unausgesprochenen Vorwurf, daß er ja doch auch gegangen sein würde, aber wer wäre dann bei ihr gewesen? Immer war dann dies unbegreifliche Lächeln der Güte wieder, die Hand, die seine streichelte und schnell wieder fortging. Dann hastige kleine Worte über häusliche Angelegenheiten, — daß man nicht vergessen möge, den Dachdecker kommen zu lassen, es regnete oben an einer Stelle ins Haus, die Lise würde schon wissen. Daß sein, Georges, englischer Castorhut zum Kürschner müsse, er möge daran denken und keine Visiten mehr damit machen. Daß in der Bodenkammer im Bettkasten obenauf baumwollenes Zeug zu warmen Unterröckchen für die Kinder liege und auch Strickgarn für neue Winterstrümpfchen, — ach, die Lise wisse ja Bescheid, an die Lise könne er sich in allen Fällen halten. Während sie von einer neuen Wehe gepackt verstummte, dachte er, er wisse wohl sehr gut, was sie damit meinte mit diesem „in allen Fällen“, befand es aber für gut, sich nichts merken zu lassen. Sie, erschöpft vom Schmerz, flüsterte noch: „Huber bat mich gestern abend noch, an seinem roten Frack einen Knopf anzunähen, erinnere doch Lise …“ drehte den Kopf auf die Seite und gab sich aufatmend einem leichten Schlummer hin, während er nun, die Wange in die Hand gelegt, reglos in die flackernde Kerze sah. Die sonderbare Abgelöstheit dieser Stunde aus dem Alltag gab ihm eine Art von Trunkenheit, ein Gefühl, überwach zu sein, gab ihm die Täuschung, vor Entscheidungen gestellt zu sein, oh, endlich nackt vor Gott zu stehen, vor Gott allein. In solchen Stunden schien das ganze Leben gerechtfertigt und leicht und süß, von heller weiser Lieblichkeit, wie die Quälereien einer grausamen Geliebten in der Stunde, da sie sich ergibt. In solchen Stunden war die Erinnerung an den König Minos zärtlich und ganz ohne Bitterkeit, obgleich dieser König Minos eben in diesen Jahren wieder begonnen hatte, sich alter Gewohnheiten zu entsinnen und dem Sohn in jedem Briefe seine Einnahmen nachrechnete, um sie mit den eigenen zu vergleichen. In solchen Stunden schaukelte George auf dem Gartenpförtchen zu Nassenhuben und spürte den alten Abendwind der Kindheit vor der dunklen Nacht und alles, was an dem Wege von jenem Garten bis zu dieser dunklen Frühlingsnacht gewesen war, lag in dem verzaubernden Schein der Ahnung mehr noch als im verklärenden der Erinnerung. Er träumte sich da einen fabelhaften Strom, Schiffe, von heldenhaften Männern geführt, Meerwunder, unerhörte Vögel, Pisanghaine, Türme, Paläste, Tore, Säulen, Dome, Minaretts aus edelsteinblauem, von Feuer durchglühtem Eis. Er war ein sonderbarer kleiner Knabe unter anderen sonderbaren kleinen Knaben in Deutschland, sie würden alle ihren Weg machen und im Zauberwald des Lebens große Taten tun und ihre kleinen knospenhaften Namen würden blühen. Sein Name unter den großen des Zeitalters, — er lächelte. Über das in seinen Krämpfen schwer atmende Weib hinüber dachte er an den Mann, der sich jetzt aus ihrer Erdverbundenheit zum Lichte rang, — dachte an einen Sohn aus seinem Blut und Geist. — Er schrak auf. Therese, längst erwacht, mit bangen wandernden Augen und in Bedrängung ächzend, hatte geflüstert: „Da kommt er, Gottlob!“ Hatte er die Haustür überhören können? Schritte kamen die Treppe hinauf, da waren Stimmen … „Ja, sie ist es!“ sagte er erlöst und indem er der Wittib Schippel seinen Platz am Bett einräumte, gab er sich selbst in Hubers Freundeshände. Und Huber war der beste sorgende Freund, er ließ Kaffee bereiten, er machte für den Todmüden ein Lager auf dem grünen Kanapee zurecht. George, nun wirklich in Halbschlaf versinkend, erblickte in den Pausen seiner Betäubung immer wieder den langen gebeugten Schatten des andern, der lautlos durch das Zimmer wanderte, stehen blieb, wenn das Jammern der Leidenden anschwellend herüberklang, — diesen Schatten im Zwielicht der abgeblendeten Kerze, der Seufzer ausstieß, die Hand über die Augen legte, stöhnte. „Mein Huber hat ein weiches Herz“, dachte George, flüsterte es sich innerlich eifrig und schnell zu, und beobachtete den andern durch halbgeschlossene Lider unablässig, die Knöchel der ganz verkrampften Hand gegen die Zähne gepreßt. „Mein Huber hat ein weiches Herz, das fremde Leiden rührt ihn allzusehr, — mein Huber hat ein gar zu weiches Herz …“

„Huber! Es ist eine Tochter!“ sprach er, gegen Morgen aus der Wochenstube tretend, — aber süßer klang es ihm selbst im April 1792, als er mit den Worten, — nun, Worten, die er im Überschwang des Augenblicks nicht abgewogen hatte! — an die Brust des Freundes sank:

„Mein Huber! Wir haben einen Sohn!“

Und Huber, — oh ja, er hatte wohl ein weiches Herz, er hatte mitgelitten, aber nun schluchzte er vor Freude und dann lachte er wie geschüttelt, die Arme um Georges Schultern gelegt, den Kopf abgewandt, — lachte und wurde mit einem Schlage wieder tiefernst. Er folgte George an Theresens Bett, sie hatte den Wunsch ausgesprochen, ihm zu danken, der so treu mitgewacht hatte, er stand von ferne, mit hängenden Armen und gesenktem Kopf auf sie hinblickend, die, den Neugeborenen im Arm, zu ihm auflächelte. Und da war kein Wort im Zimmer, aber etwas wie Frage und Antwort, ausgedrückt in einer unhörbaren süßen Musik, die auch George mit einem verborgenen Organ der Seele vernehmen, die er aber nicht deuten konnte, an der er herumrätselte, — und da war es auch schon vorbei, und Huber schlich auf den Zehenspitzen hinaus und er folgte ihm, und da war ein neuer grauer Tag und da lag wartend die Arbeit von gestern, — nein, diese Nacht hatte nicht vermocht, das Leben zu erneuern. — —

An Christian Friedrich Voß, den Verleger, der zum Freunde geworden war, schrieb George, — und er tat dies, als die kleine Tochter Louise schon seit sechs Monaten den guten Platz am Herzen liebender Eltern und Geschwister wieder verlassen und ihn mit einem Bettchen unter dem Rasen des St. Christoph-Friedhofes vertauscht hatte, — George also schrieb am Morgen des 24. April 1792 an den guten Voß in Berlin:

„Ich bin am Sonnabend von meiner Frau mit einem jungen Sohn beschenkt worden. Sie, mein gütiger Freund, werden Anteil an unseren Empfindungen bei dieser Gelegenheit nehmen. Sie sind Empfindungen von gemischter Art; Freude, daß der kritische Zeitpunkt glücklich überstanden ist, daß alles gut geht, Mutter und Kind gesund sind; Freude, daß der Mann, der einmal den häuslichen Kreis einem glänzenden Glück vorgezogen hat, nun auch die Bestimmung näher vor sich sieht, gewisse Ideen- und Gedankenreihen, die in einen weiblichen Kopf nie recht passen, dennoch einem seiner Kinder übertragen zu können und zu sollen; aber dies gemischt mit den Besorgnissen aller Schwierigkeiten, welche sich zwischen jenen Zeitpunkt der vollendetsten Erziehung und diese Aussicht aus der Ferne noch häufen und sie vereiteln können, mit dem Gefühl vervielfältigter Pflichten und vermehrter Beschwerde auf dem Pfad des Lebens, — vor allem mit dem Gedanken, daß das künftige Glück und die Zufriedenheit noch eines Menschen nun wieder von unserm Handeln abhängen muß. — Ich wollte wirklich so ernsthaft nicht werden, lieber Freund, allein was sich jetzt in Kopf und Herzen regt, drängt sich auch wider Willen hervor. Sie halten mir diese Mitteilung meiner selbst zu gute. — Und nun zu unseren Geschäften …“

Der Mann, der „einmal den häuslichen Kreis einem glänzenden Glück vorgezogen hatte“ — gleichviel, ob man jenes glänzende Glück zu keiner Zeit seines Lebens enger hätte umschreiben können, denn mit dem Begriff einer Fata Morgana, dieser Mann fragte sich in den folgenden Monaten zuweilen, ob es denn nun eingetreten sei, daß Sorge und Mühsal ihn vor der Zeit hätten altern lassen, so daß er Jugend und Frohsinn nicht mehr verstünde. Denn er saß in seinem häuslichen Kreis wie ein Fremder, wie ein tagfremder Uhu, den Singvögel umlärmten, in diesem häuslichen Kreise, den ein unbegreiflicher Taumel beherrschte. Ein Glas Wein nach Tagesschluß, gewiß, er verschmähte es nicht, es erwärmte sein langsames Blut, es belebte für eine Stunde seinen ermüdeten Geist, — mußte jedoch Abend für Abend Wein getrunken werden? Kam er nicht aus seinem eigenen Keller, so hatten Huber oder Brand ein paar Bouteillen mitgebracht. Die Fenster standen alle weit geöffnet, milde, duftschwere Mailuft wogte herein, blühende Obstbaumzweige oder Fliedersträuße schmückten das Zimmer und auf dem grünen Kanapee thronten Therese und Karoline und hielten Hof. Wie einst fühlte er jene unerklärliche Wärme von Karoline auf sich ausstrahlen, sah sie heiter, gelassen und anmutig, wo Therese sprunghaft, ungeduldig und von einer sonderbaren Bitterkeit des Ausdrucks war, versuchte zu vergleichen, — und wußte, daß er Theresen angehörte, Theresen allein und für immer, mochte sie sanft und süß sein, wie sie es in jenem ersten Winter in dieser Wohnung gewesen, oder von der geistig aufgeregten Heftigkeit, die sie jetzt ununterbrochen schöngeistern und politisieren ließ und in Betrachtung der neusten Ereignisse in Paris leidenschaftlich Partei ergreifen, — für Frankreich natürlich, für Frankreich und die Freiheit und gegen alle Despoten Europas, den unglücklichen Ludwig eingeschlossen. Karoline ließ dann nicht von ihrem spielenden Lächeln, das jeden streifte und es nicht zu begreifen schien, wieso man sich dermaßen echauffieren könne, da denn doch alles aufs Menschlichste zu erklären sei, — Karoline sprach dann zuweilen ein Wort, das erstaunlich klug und einfach den Gegenstand des Gespräches auf einmal abtat, — Karoline wandte sich manchmal ganz ihm zu, wenn er still und müde dasaß, sie lockte ihn aus sich heraus, sie war geduldig lauschend, war freundlich, — dennoch, in ihrer Gegenwart spürte er stärker als seit Jahren, daß er Theresens bedurfte und Theresens allein. Es war nicht recht von Therese, daß sie die Eifersüchtige spielte, freilich, nur spielte, nur mit kleinen Neckereien, mit verstelltem Schmollen, mit Redewendungen, wie: nun, sie wolle das tête à tête nicht stören, wenn er einmal in ein Gespräch mit der Freundin versenkt war. Es war nicht recht von ihr und entzückte ihn doch und er mußte dann nachher zu ihr kommen und sich mit vielen Worten rechtfertigen, ungeschickten kleinen Worten, die sie ungern anhörte: „Aber ich bitte dich, lieber Freund, — es war doch nur Scherz!“ und „ich gönne es dir doch wahrhaftig …“ Oh, was mißverstand sie nur? oder wollte sie mißverstehen? Sie ließ ihn mit Karoline allein, tauschte Blicke mit Huber, wenn er im allgemeinen Gespräch sich einmal ereiferte und dann ohne es zu wollen, in diese aufmerksamsten und stillsten Augen am Tisch hineinsprach, deren Ausdruck ganz allmählich in Lächeln überging. Er sprach von der „Sakontala“, er träumte redend den Traum von Indien, feurig phantasierend, unerachtet Mr. Brands skeptischen Lächelns über den Rand des Glases hinüber, — ein Deutscher konnte den Wundersamen freilich besser zum Keimen bringen als ein verknöcherter Engländer mit den Voraussetzungen des Warren-Hastings-Prozesses und den gewinnsüchtigen Spekulationen der jungen East Indian Company, die sich gierig wie ein Geier auf jene unerhörte Beute gestürzt hatte. Deutschland war bestimmt, das tausendjährige Herz des erstgeborenen Bruders wieder zu erlösen! Über seinem Schwärmen wußte er doch immer jede Bewegung Theresens und daß sie sich vom Tisch erhoben hatte und mit ihren Schritten Huber nach sich ans Spinett zog, — wußte, daß Huber sich jetzt dort vor den Tasten niederließ und zu ihr aufblickte, die über den Deckel gelehnt, das Kinn in die Hand gestützt, auf ihn einsprach, und versuchte verzweifelt den Gegenstand jenes halb flüsternd geführten Gespräches zu erraten. Sprachen sie denn wieder von dem kleinen Jungen, von seinem kleinen Jungen, mit dem so viel vor sich ging, das er nicht erfuhr, oder nur, wenn man sich allein, ohne ihn aus der Bibliothek, aus seinem Kabinett herbeizurufen, über einen neuen Krampfanfall gesorgt, mit Wedekind, dem Arzt, und mit Huber zur Seite, — aber ohne ihn, den Vater? Der Vater bedurfte der Schonung, der Rücksicht, der Arbeitsruhe. Es gab Stunden, die kämpfte ein wackeres Weib allein mit ihrem Gott durch. Nun ja, — möchte sie doch nur allein mit ihrem Gott und allenfalls mit Wedekind gewesen sein! Wenn der kleine Junge so elend war und wachsbleich, — warum mußte dann abends hier Wein getrunken, gesungen und getanzt werden? Übrigens fühlte er sich gar nicht imstande, seinem dunkeln Widerstreben Ausdruck zu leihen. Wenn sich die Unterhaltung um ihn her in Histörchen und Anekdoten auflöste, wenn Huber anfing, sich zu seinen Arien auf der Laute zu akkompagnieren, wenn die Forkel sich erbitten ließ, den einzigen Tanz zu spielen, den sie beherrschte, dieses ewige Menuett von Gossec, zu dem Karoline dann mit einem unsichtbaren Partner ihre Pas und Komplimente machte, — was hatte er also zu schaffen mit dieser tanzenden lächelnden Dame? — fragte er sich, — wenn dann um Mitternacht Wedekind auftrat, um den Lustbarkeiten ein Ende zu machen, die Forkelin nachhause zu bringen und den einmal angebrochenen Bouteillen auf den Grund zu sehen, wie er sagte, — oh, so saß George in einer Ecke des Kanapees bei der Kerze, scheinbar ins Journal des Débats oder den Moniteur vertieft, im Herzen bitter entrüstet und ratlos, weil sie alle spielen durften und mochten und immer nur spielen, — nur er nicht. Merkte es wohl ein Mensch, nahm etwa Therese es wahr, wenn er aufstand, den einen Leuchter ergriff und in die Kammer ging? Dort stand er an der Wiege, das Licht mit der Hand schützend, und starrte auf das winzige Gesicht, dessen bläuliche Lider sich beim Schlafen nie ganz schlossen, so daß die Iris reglos und erschreckend durch den Spalt schimmerte. Ein Zucken lief mitunter über die blassen Bäckchen hin und durch diese mageren Händchen, die da auf dem Deckbett lagen, ausgestreckt und ergeben, wie die Hände eines leidenden Erwachsenen. Was suchte er denn in den alten faltigen Zügen des Würmchens, warum ging er nicht wieder, da er doch sah, hier war alles in Ordnung? Der kleine George, dachte er langsam mit Erwägung jedes einzelnen Wortes, sieht unter seinen Geschwistern nur der kleinen Louise ähnlich, der kleinen Louise, wie sie dalag und tot war. Warum wurde drüben gesungen, getrunken, gelacht, wenn der kleine George dalag und aussah wie tot? Er tastete sich trotz seines Leuchters durch den Saal zurück, als ginge er durch Dunkel. Plötzlich blieb er stehen, reckte den Arm mit dem Licht hoch und starrte böse und grübelnd hinauf zu seinem eigenen Bilde, zu diesem arglos liebenswürdigen Antlitz da oben, das über ihn wegsah, als hätte es nie etwas mit ihm gemein gehabt. —

Woher dies Feuer der Beredsamkeit? dachte jetzt George zuweilen am Familientisch, — nun, saß Therese neuerdings auf kassandrischem Dreifuß? Sie hatte einen Menschen mit der cocarde tricolore durch die Gassen gehen sehen, hatte armes Volk untereinander auf die Reichen und die Pfaffen schimpfen hören, hatte sich auf dem Markt über die steigende Teuerung aufgeregt und sich die Schandtaten irgendwelcher Emigranten erzählen lassen, die sich doch wahrhaftig immer mehr gebärdeten, wie die Herren im Lande. Therese also, durch eine Belanglosigkeit angeregt, Therese dozierte etwa so: Der Krieg, der sich da vorbereitete, der schon im Gange war, er war eine interne Angelegenheit der Franzosen, — kein Zweifel bestand für den Einsichtigen! Bruder gegen Bruder kämpfte Frankreich verzweifelt um sein zerrissenes, blutendes, um sein heiliges Herz.