Dies sei sehr richtig bemerkt, mochte Huber hier einfügen. Preußen und Österreich schmeichelten sich zwar in dem Wahn für die Ruhe Europas und somit für das eigene Interesse zu rüsten, indessen …

Indessen, dies lag auf der Hand, — Therese reckte lebhaft ihre kleine feste Hand mit gespreizten Fingern aus und zog sie hastig wieder zurück, als hätte sie ein Geheimnis enthüllt, — auf der Hand lag es, daß l’ancien régime, daß Frankreich in Gestalt seines vertriebenen Adels ein deutsches Heer aufgeboten hatte, um Frankreich, um jenes rabiate Paris zu bewältigen! L’ancien régime, verachtens- und verabscheuenswürdig, — oh, was hatte Huber dagegen einzuwenden? Die kleine Faust fiel leicht und kräftig auf die Tischplatte nieder, denn Huber hatte die breiten schön umrissenen Lippen ein wenig verzogen und bewegte schmerzlich den Kopf, wie von einem krassen Forte peinlich berührt. Hatte der sächsische chargé d’affaires noch so viel aristokratische Sympathien, daß er kein wahres Wort hören konnte? Huber hob nur abwehrend die Rechte: „Ah, l’ancien régime! Es war nicht ohne charme!“ Therese, sein verzücktes Gesicht aufmerksam, fast neugierig betrachtend, streckte ihm plötzlich die Hand hin, zärtlich ausrufend: „Huber! Ich verstehe auch diesen point de vue! Im Grunde aber sind Sie unserer Meinung!“ und fuhr dann fort, im Tone der Seherin darzustellen, wie l’ancien régime nun in der Pose unwiderstehlicher Bravour dastehe, bereit, mit Strömen fremden Blutes jene ridikulen Menschenrechte hinwegzuschwemmen, — während das andere Frankreich in Gestalt eines Heeres schlecht ausgerüsteter und mangelhaft bekleideter Soldaten, deren zuverlässigste Waffe ihr Herz war …

Eines Heeres begeisterter Kreuzfahrer, wie Huber nun von dem anderen point de vue aus schwärmend einschob, die die heiligen Grabstätten einer großen Vergangenheit zu neuem Leben befreien wollten …

Während dies andere Frankreich im roten Westen unbeirrt seine Kolonnen formierte. Fühlte denn nur sie allein den Boden schon zittern unter dem Marschrhythmus der von Osten und Westen einander entgegenziehenden Armeen, war nur sie allein so prickelnd erregt von der Spannung dieser von Erwartung des Kommenden geladenen Luft, die jetzt über dem Rheinland lag? —

O nein, auch George fühlte diese Spannung. Er fühlte sie, als mündeten alle Strahlen des drohenden Sommerhimmels in der Kuppel seines unseligen Schädels, und hineingerissen in das unwiderstehliche Vibrieren des Lebens, das von Paris ausging, — mochte der Geist dort auch schon den Mord heilig gesprochen haben, — in dieser Stimmung schrieb George an den Schwiegervater, gelassen, als sei er an der Urheberschaft dieser Entwicklungen beteiligt: „Jacta est alea! Wir wollen nun aufhören, von Prinzipien zu sprechen. Die Appellation an das Recht des Stärkeren ist geschehen. Wir wollen sehen, wer der seyn wird.“ —

Der Würfel war gefallen!

Dies war der Grund jener Erregung, die einstweilen zwecklos verlodern mußte. Der Würfel war gefallen, — deshalb, — nun erkannte er es! — galt es, die Nächte aufzusitzen, zu trinken, zu lachen, zynisch und bizarr zu reden. Wenn die Staaten ins Wanken gerieten, so war nichts zu tun, als die Hände sinken zu lassen. Die Sache der Zukunft war es, der man angehörte, einer noch völlig verschleierten, dunklen, ungewissen Sache. Wieder einmal, wenn man sich prüfte, sah man sich selber als den nackten Menschen, dem Schicksal ausgeliefert, und es würde sich darum handeln, der Bestie gegenüber das Ideal zu verteidigen. Indessen lag die Bestie noch untätig da, den Kopf auf den Pranken, tückisch blinzelnd. In einer solchen entsetzlichen Spannung hatte der kleine George vor dreißig Jahren keinen anderen Ausweg gefunden, als den, seine Natur zu vergewaltigen, mit dem Janusch umherzuwildern, Äpfel zu stehlen, Heuschober anzustecken, Hunde und Katzen zu quälen. Oh, er erinnerte sich seltsam deutlich!

Gäste also ins Haus! und ein Oxhoft Nierensteiner im Pfandhaus ersteigert! —

Viele kleine Kinder litten doch an Krämpfen und überstanden es. —

Es lohnte sich nicht, in diesen Wochen viel zu arbeiten, da doch fortwährend Besuch kam und außerdem mehrere Eisen im Feuer lagen, Projekte, die sich auf die Unterstützung des Pflanzenwerkes durch den Wiener Hof, auf eine Anstellung in Preußen, auf eine Reise mit Brand nach dem Süden bezogen. Und es kamen wirklich unaufhörlich Menschen ins Haus, Offiziere, Ärzte, Feldprediger der durchziehenden Truppenteile, die an der Grenze Aufstellung nehmen sollten, — alte Bekannte aus den Casseler Jahren, mit denen man einst den lapis philosophorum gesucht hatte und die Sömmerring ungern wiedersah, — Reisefreunde aus Berlin, aus Dresden, aus Wien, aus Warschau, alles Leute von Welt und von geschmeidiger politischer Einstellungsfähigkeit, keine bramarbasierenden Preußen, Eisenfresser und Despotenbüttel. Es gab ein ungeheuer lustiges Politisieren um den Teetisch herum.