Hatte nun nicht die große Katharina mit ihren Deklamationen gegen Paris Preußen und Österreich endlich auf die Beine gebracht und so weit fort auf die Hasenjagd geschickt, daß sie selbst jetzt in Polen ungestörtes Spiel hatte? Und was sickerte alles von Preußens und Österreichs Absichten über die Teilung der Beute durch, noch ehe der Braten erlegt war? — Es war besser, nicht zu dem kleinen Jungen hineinzugehen, wenn er einmal eingeschlafen war, hatte Therese gesagt. Es störte den kleinen Jungen, — ja, Therese hatte natürlich Recht! —

Ein Glas Wein auf den Abend war gut; zwei Gläser machten sogar heiter. Hörte man auf, die Gläser zu zählen, so stellte sich ein Zustand von Zufriedenheit ein, der auf der Fähigkeit leicht, elegant und interessant zu demonstrieren basierte, einer ungewohnten Fähigkeit, die glücklich machte. Er tat es den anderen gleich, war feurig in der Verteidigung der Neufranken wie Therese, begründete sein Urteil mühelos mit Belegen aus der Historie, wie Huber, fand kleine Scherzworte, nicht wahr, war ein wenig schalkhaft wie Karoline, — spielte mit, kurzum, spielte mit und stand nicht daneben.

Der kleine Junge begann ja auch zu gedeihen. Er hatte ihn heute heimlich aus der Wiege genommen und ihn herumgetragen, als er schrie. Er war in seinem Arm still geworden, er war so warm und süß. Hatte er einmal etwas besessen, was ähnlich gewesen war, ähnlich hilflos, zart, ganz auf ihn angewiesen? Einen kleinen Vogel vielleicht? Sein kleiner Junge war sein Freund, er hatte ihn angelächelt mit diesem bebenden zahnlosen kleinen Munde. Wem glich sein kleiner Sohn doch, wenn er lächelte, — wem glich er doch? —

Archenholz kam auf der Durchreise und brachte mit seinen Berichten aus Paris Hoffnungen auf einen gemäßigten und glücklichen Verlauf der inneren Entwirrung, die jedoch bald von den Berichten neuer Greuel vereitelt wurden. Die Teuerung in dem von Emigranten und Truppen übervölkerten Rheingau wuchs von Tag zu Tag und mit ihr allgemeine rat- und ziellose Erbitterung. Nebenher wurden die Zurüstungen zu dem großen concert des puissances, das nach der Krönung des neuen Kaisers zu Frankfurt in Mainz stattfinden sollte, heiter und großartig betrieben, als gälte es schon ein Siegesfest. George fuhr in den Krönungstagen mit Huber und Brand nach Frankfurt hinüber, sah den jungen Franz, wie er so gutartig und unschuldig aussehend, die Hauskrone auf dem Haupt zu Pferde in die Kirche zog, und ließ sich von diesem Anblick bis zu Tränen rühren, was er seinem Herzen unbeschadet seiner despotenfeindlichen Grundsätze gönnen zu dürfen glaubte. Dem Schauspiel der fürstentrunkenen Mainzer, der Ehrenpforten, Illuminationen, Feuerwerke, der spalierbildenden Rotröcke, — dem Lärm der Janitscharenmusiken und feierlichen Hochämter indessen ging er aus dem Wege, indem er die guten Freunde Reichardts aus Gotha nach ihrem Reiseziel Koblenz weiterbegleitete, nachdem sie einige Tage unter seinem Dach geweilt hatten. —

Er machte es sich klar, daß er von einer fürchterlichen Müdigkeit befallen war, als er bei der Heimkehr vom Anlegeplatz des Schiffes vor dem Raimonditor durch die Stadt nachhause ging, — daß die Julihitze ihn krank gemacht habe, daß diese entsetzliche Schwermut folglich nicht böse Ahnung, sondern körperlich und im übrigen gegenstandslos sei. Die Straßen waren wie ausgestorben. In Eltville fand ein Volksfest statt, bekränzte Schaluppen mit türkischer Musik waren ihm den Rhein hinunter entgegengekommen. Die große Welt mochte in den Gärten der Favorite feiern. Die fremden Truppen lagerten im Glacis. Wie er so schlaffen Schrittes dahinschritt, den Hut in der Hand, den Kopf gesenkt und nichts empfindend, als eine peinliche Unlust, nachhause zu kommen, eine Unlust, die ihn trotz aller Ermüdung nicht den nächsten Weg suchen ließ, sondern ihn immer wieder durch fremde Straßen und Gäßchen trieb, stieß er am Karmeliterplatz fast mit einem Leichenzug zusammen, der zum St. Christophs-Friedhof wollte, — mit ein paar preußischen Grenadieren, die einen kleinen weißen Kindersarg trugen, der mit Rosenketten bekränzt, das traurig-prunkvolle Gefolge eines Priesters mit seinen Knaben und einiger preußischer Offiziere in großer Uniform hatte. George erkannte einen jungen Hauptmann von Eltz, einen geborenen Mainzer in preußischen Diensten, der, wie er wußte, auf dem Weg ins Feld seine Frau und deren Schwester, Töchter eines Generals von Tracht, mit seinem kleinen Sohn für die Dauer der Campagne zu seiner hier lebenden Mutter gebracht hatte. Betroffen verweilend und alles an sich vorüberlassend, stand er noch immer von der Ahnung eines Schicksals durchschauert da, als der Zug und die kleine Schar von Frauen und Kindern, die ihm nachlief, längst verschwunden war, — raffte sich dann plötzlich zusammen, blickte verstört um sich und preßte die Hand auf die Brust. Dies, sagte er sich, nun hastig in der Richtung auf die Große Bleiche hinstrebend und diese Straße hinauf und nachhause zu schreitend, dies war Wirklichkeit, kein Spuk und keine Vision. Es hatte keine Ähnlichkeit mit irgend etwas schon Erlebtem, denn, — so tröstete er sich sinnlos: als wir das Louischen begruben, war es an einem nebeligen Novembermorgen und Huber und ich außerdem nicht in preußischer Uniform. Dies also war nicht die Spiegelung eines mir bevorstehenden Ereignisses. Hier gurren Tauben auf dem Dach, diese Kinder spielen so vergnügt, die Frau dort hängt so friedlich Wäsche auf. Die Leute könnten doch nicht alle so ruhig sein, wenn … Ich bin außer aller Contenance, fühlte er, und wischte sich den Schweiß von der Stirne. Einem Leichenzug zu begegnen, bedeutet außerdem doch immer Glück. Nun bog er in die Tiermarktstraße ein, rannte fast die letzten Schritte bis zu den Universitätshäusern, ging dann wieder langsamer, drückte zögernd, zögernd die Haustür auf. Wie kühl war doch die Luft im Flur! Ach, natürlich, — welche Einbildungen! Er atmete erleichtert auf, wovor hatte er sich eigentlich gefürchtet. Er erinnerte sich, daß Therese und die Kinder nun in der Nachmittagshitze ruhten, daß die Mägde in der Küche beschäftigt waren, daß es deshalb so still, so seltsam still im Hause sei. Auch schrie kein kleines Stimmchen, wie er doch, — er war sich dessen sicher, — erwartet hatte. Um so besser, dachte er. Wir werden einen belebten Abendzirkel haben, machte er sich klar, indem er die Treppe hinaufstieg, und besann sich, daß auch der Besuch Herrn von Goethes aus Weimar, der seinen Herzog ins Feld begleitete, in Aussicht stand. Das Gespräch darf nicht auf den „Groß-Kophta“ kommen, entschied er und drückte nun mit einem Gefühl der Kälte in Wangen und Lippen, mit einem Krampf in der Brust die Klinke der Wohnstubentür hinunter.

Er sah: da stand der offene kleine Sarg. Da lag sein kleiner Junge tot. Und da saß Therese vorgebeugt, den Ellbogen auf den Knien, den Kopf auf die Hand gestützt mit einem auf ihrem Antlitz erstarrten Ausdruck irrer Fassungslosigkeit über diesen Sarg ins Leere starrend, und da saß Huber neben ihr, den Arm schlaff um sie gelegt, zusammengesunken, zerschlagen, furchtsam vor sich niederblickend, Tränenspuren auf den Wangen, — da saßen zwei Zusammengefesselte, zwei Miteinanderverurteilte …

Therese hatte sich erhoben. Huber stand auf. Sie schienen beide noch nicht ganz erfaßt zu haben, daß er da war, obgleich sie ihn anblickten. Plötzlich unter diesen Augen, die zwischen ihm und Therese hin- und herglitten in stummer entsetzlicher Frage, legte Huber die Hand über sein Gesicht, machte eine taumelnde Bewegung auf George zu und ging wankenden Schrittes zur Tür.

O nein, o nein, den Abgrund nicht! Den Abgrund zwischen ihnen beiden nicht! War er noch zu füllen mit dem Schutt des Alltags? Reichten die Brücken der großen Ereignisse noch von einem Rand zum anderen?

Wohnten sie denn nicht beieinander, hatten die Mahlzeiten, die Zimmer, die Kinder, die Freunde gemeinsam, gemeinsam die lauten festlichen Abende und die Nächte, Bett an Bett mit dem stundenlangen Belauschen des anderen im Finstern? Oder lauschte Therese nicht so auf ihn, wie er auf ihre Atemzüge, die ihm verrieten, daß auch sie nicht schlief, daß sie … Oh, wartete sie etwa darauf, daß er — nun endlich einschliefe? Aber ihre Hand war sanft gegen ihn gewesen, er hatte alle Pflege gehabt, deren sein kranker Leib bedurfte, er hatte das Lächeln ihrer Augen über sich gesehen und nichts war ihm verwehrt worden. Nicht wahr, jene Stunde, jene furchtbare, am Sarg des kleinen Jungen, sie hatte im höllischen falschen Lichte seiner Ermüdung und Überreizung gestanden, und sie war doch vorübergegangen, wesenlos geworden wie das furchtbare Wort, das er gesprochen hatte, — oder hatte er es nicht gesprochen? Das er hinter Huber drein gesprochen zu haben meinte, der die Türe so entsetzlich sanft geschlossen hatte: „Ihr werdet wohl nicht ruhen, bis auch ich …“ Oh, nein, nicht in seinem Herzen wohnten Worte mit solchen Widerhaken! Sein Herz war sanft, geduldig, wollte tragen. Es tat sich auf, sobald die Sonne wieder schien, und da war die geliebte Frau und da war der Freund und sie beide so voll Milde und Kraft, bereit, ihn, den Schwachen, zu stützen, ihm alles zu verzeihen …

Er war gefaßt. Er arbeitete wieder. Und was arbeitete er? Er faßte die Erinnerungen des glorreichen Jahres 1790 in Kalenderform zusammen, machte aus jenen unvergeßlichen évènements und den Silhouetten der großen Männer ein allerliebstes Büchlein im Publikumsgeschmack, das mit vorzüglichen Kupfern geziert zur Michaelismesse bei Voß herauskommen sollte. Im übrigen fügte er Bild an Bild zum dritten Bändchen der „Ansichten“, ließ sich von Karolines klugem Zureden bewegen, etwas gefälliger und weniger pathetisch zu schreiben, saß mit dieser guten Freundin und Zuhörerin über neuen Übersetzungsplänen und nahm sich täglich in den Morgenstunden sein Röschen mit ihrem Augustchen zusammen vor, um diesem kleinen Gesindel ein paar Anfangsgründe der Wissenschaften beizubringen. Sie waren keine Knaben, — allerdings …