Es war ihm, als müßte er ganz leise und behutsam weitergehen. Als könnte ein hastiger Schritt, eine heischende Gebärde, — als könnte schon ein ungeduldiger Gedanke die Schneeflocke lösen und mit ihr die Lawine, die alles begraben würde.
Lächeln also. Waren Therese und Huber nicht Kinder, liebenswürdige Kinder? War es nicht gut, mit ihnen zu leben, zu fühlen, daß sie ihn trugen und dennoch seiner nicht entraten konnten, seiner Arbeit bedurften, seiner Erfahrung, seines Rates? Lächeln, oh, und nicht mißtrauen, wenn sie auf den Spaziergängen zurückblieben, wenn sie dann Hand in Hand wie die Träumenden herankamen, — wenn sie in der Abendstunde still zusammen am Fenster saßen. War es nicht Unschuld, wenn sich ihre Hände nicht lösten? Wenn Huber den Blick nicht von Theresens über die Arbeit gesenkten Scheitel ließ, auch jetzt nicht, da George hinzugetreten war? — Lächeln also! Lächeln auch über den Klatsch, den der um des Freundes Ehre so redlich besorgte Sömmerring nicht unterließ, ihm zu hinterbringen.
„Ach, guter Sömmerring, — wir wollen lieber anderer Dinge gedenken! Die Moral des Mainzer Professorenklüngels in Ehren. Aber ich denke, für uns ist anderes maßgeblich …“
Lächeln also! Lächeln auch über jenes Gedicht im letzten Göttinger Almanach, der ihm im Oktober in der Universitätsbuchhandlung in die Hand kam, in dem er blätterte, verwundert, ihn nicht wie jedes Jahr gleich bei seinem Erscheinen von Dietrich zugesandt bekommen zu haben. Er stutzte beim Titel eines der Beiträge, der „Huberulus Murzuphlos oder der poetische Kuß“ überschrieben war, las weiter, las ein kleines, infames Machwerk voller Anzüglichkeiten, las den Verfassernamen Bajazzo Romano, meinte sich zu erinnern, daß Meyer gelegentlich unter diesem Pseudonym veröffentlichte, legte das Bändchen beiseite — und lächelte. Hatte man ihm zu Hause das Buch unterschlagen, um ihn zu schonen? Er sprach mit Karoline darüber, die er gleich darauf in ihrer Wohnung in der Welschen Nonnengasse aufsuchte, um ihr einige Journale zu bringen. Die gute Freundin errötete heftig, — o ja, sie sei mit Therese übereingekommen, den Almanach vor ihm nicht zu erwähnen, da er diesmal durch und durch faul und wurmstichig sei, von pöbelhaften, kleinen Gemeinheiten wimmele, zu denen auch Bürgers Epigramme zählten. Der „Huberulus Murzuphlos“ übrigens, sprach sie nach einer Pause mit verzweifelter Tapferkeit weiter, so wie man eine Wunde berührt, um sie zu heilen, dieser elende Angriff auf den guten Huber sei nun Gott sei Dank durchaus nicht von Meyer, wie sie zuerst mit Entrüstung hätte annehmen müssen, — oh, dazu sei Meyer nicht fähig, sagte George sehr ruhig und — lächelte; er selbst wäre nie auf diese Annahme verfallen, sprach er, bückte sich und rückte an der Schnalle seines Schuhs, — sondern von Bouterweck, der sich für Hubers herbe Kritik seines „Donamar“ in der Jenaischen Literaturzeitung in dieser feinen Weise rächte. Indem sie ihn ängstlich anblickte und — er fühlte es, — gern nach seiner Hand gegriffen und sie gestreichelt hätte, sagte sie ganz zaghaft und leise: „Lieber Forster, nicht wahr, es ist nun alles gut?“ Und als er ihr darauf mit einem kraftlosen Heben und Senken der leeren Hände sein Antlitz zuwandte, bemerkte er Tränen in ihren Augen, murmelte: „Liebe Karoline …“, und wußte es nicht, daß es seine Gebärde war und dieses arme Lächeln seines müden, gealterten Gesichtes, die jene Tränen stürzen ließen. —
Was bedeuteten übrigens auch solche, im Bereich der Belles lettres hin- und hersausenden Giftpfeile in diesen Tagen, da Mainz mehr denn je einem aufgestörten Ameisenhaufen glich, nachdem jener General Custine, der, in Landau stehend, seine Soldaten aus purer Langeweile einmal ein wenig ins Rheingau spazierengeführt und so spazierengehenderweise Worms und Speyer eingesteckt hatte, sich mit dem berühmten Appetit, der im Essen wächst, Mainz zu nähern begann und gewillt schien, des heiligen römischen Reiches Schlüssel seiner siegreichen Republik zu Füßen zu legen? Es mochte seinen besonderen Reiz haben, die Zurückwerfung der deutschen Armeen, die seit dem für die Koalitionstruppen so unseligen Tage von Valmy eine vollkommene war, mit der Eroberung der Stadt zu krönen, von der das renommistische Manifest des Braunschweigers ausgegangen war. Wer sich für den Geist jenes Manifestes irgendwie auch nur im entferntesten mitverantwortlich fühlte, dem schien das Heranziehen des Bürgergenerals jedenfalls außerordentlich peinlich zu sein und während wenige Meilen nördlich das Zurückwandern der geschlagenen deutschen Truppen über den Rhein begann, setzte über die Schiffsbrücke von Mainz eine sonderbare Piroutchade sich in Bewegung und auf einer unabsehbaren Kette von Wagen aller Art schaffte ein hoher Adel sich selbst und sein bewegliches Eigentum so eilfertig aus der Stadt, daß schon vor dem 10. Oktober die Mainzer Bürgerschaft ganz unter sich war. Denn auch die obere Geistlichkeit und die Emigranten waren nicht zurückgeblieben, beileibe, diese am allerwenigsten. Seine Eminenz hatte die Stadt nächtlicherweise und durchaus unauffällig verlassen, wie es hieß in einem Wagen, an dessen Schlägen die Wappenschilder in aller Eile abgekratzt worden waren, und hatte sich nach dem Eichsfeld begeben, baldigst gefolgt von Ihrer Eminenz, die indessen das Tageslicht nicht gescheut hatte und am frühen Morgen mit allem Pomp und großem Gepäck, gezogen von den vier Apfelschimmeln abgereist war. —
George stand am Morgen des nächsten Tages an der Brücke und sah dem Schauspiel der abrollenden Berlinen und Kaleschen zu, unter denen endlich das Kabriolett kam, in dem Huber mit dem Archiv seiner Gesandtschaft nach Frankfurt fuhr, — nicht aus Furcht, wie er zu versichern kaum nötig gehabt hätte, aber wegen dieser überflüssigen Königlich Sächsischen Staatspapiere, für die er nun einmal verantwortlich war. Da war er hingefahren, in unbegreiflicher Erregung bleicher aussehend, als sich mit dem Anlaß dieses Abschieds vertrug, und hatte fremd und ernst zu George hinübergegrüßt, als er ihn am Brückenkopf stehen sah. George war dann zurückgegangen, als sei der Zweck seines Ausgangs erfüllt: er hatte Huber abfahren sehen. Unerklärliche Befriedigung füllte schwankend sein Herz bis zum Rand. Gewiß, und er gab es sich zu: leichter war es zu lächeln, zu lächeln auch in der Vorstellung, daß nun die deutsche literarische Welt aus jenen Bajazzo-Versen hämisch die Runen seines Schicksals zu deuten suchen würde, — leichter war es zu lächeln, wenn Huber einmal für Tage, für Wochen nicht mit am Tisch saß. Es war möglich, mit der Vorstellung zu spielen, daß die Flut politischen Geschehens ihn auf Nimmerwiedersehen entführen könnte, — kamen doch schon wenige Tage nach seiner Abreise kummervolle Briefe von ihm, des Inhaltes, daß er Befehle aus Dresden habe, den gefährdeten Boden von Mainz nicht eher wieder zu betreten, bis die alte Ordnung dort hergestellt, der Kurfürst zurückgekehrt sei.
Therese nahm das so gelassen hin, sie äußerte keine Vermutungen, keine Hoffnungen für die Zukunft, — Therese war blaß, aber heiter, von einer Fassung, der er demütig begegnete. Sie folgte der Entwicklung seiner Pläne mit Aufmerksamkeit und nur mit geringen Einwänden, — gewiß, es war kein übles Projekt, baldmöglichst nach Paris überzusiedeln und dort zunächst als freier homme de lettres, später im Dienst der freiheitlichen Regierung zu leben. Sie hatte alle Auffassung dafür, daß es nun an der Zeit sei, mit einer langsam gereiften freiheitlichen Anschauung Ernst zu machen, daß es unmöglich sein würde, der alten Mainzer Regierung, die sich so verächtlich gemacht hatte, weiter zu dienen, — falls sie denn wieder ans Ruder kommen sollte. Aber der Hausstand hatte sich so vergrößert in den letzten Jahren, — wie dachte er es sich denn mit dieser Menge beweglichen Eigentums? Die Möbel sollten wieder verkauft werden? Nun ja, — ihr Herz hing nicht an Gegenständen. Immerhin möge er bedenken, daß in irregulären Zeiten die Konjunktur für derartige Verkäufe keine günstige sei. Es war Abend und sie saßen zusammen auf dem grünen Kanapee, Therese untätig in einer Sofaecke lehnend und ihr Armband am linken Handgelenk unablässig hin- und herschiebend. Ihr Blick, nur zuweilen mit scheinbarer Sammlung in seinen Augen ruhend, durchforschte unruhig die Dämmerung der unbeleuchteten Zimmertiefe und hing dann wieder wie plötzlich gebannt in nächster Nähe, an einer Fehlstelle in der Politur des Tisches, die sie spielend berührte, — an einem kleinen braunen Fleck ihres Unterarms.
„George, —“ fragte sie plötzlich, als er schon seit einer Weile von einer Bibliotheksangelegenheit sprach, — „könntest du denn daran denken, zu den Franzosen überzugehen?“
Sie sah ihn von der Seite an, — fast lauernd. Er nahm den Anlaß wahr und holte sehr weit aus. Er sei in Polnisch-Preußen geboren, habe diesen Boden verlassen, noch ehe er wieder in preußische Hände übergegangen sei, und hätte alsdann von seinem elften Jahre an nacheinander, — er zählte es an den Fingern her, — der russischen, englischen, hessen-casselschen, polnischen und nun endlich der kurfürstlich-mainzischen Regierung gedient. Hätte als Gelehrter das ungeheure russische Reich, fast alle Länder Europas und die halbe Erde bereist … Hier flocht Therese ein: „Zwischen deinem elften und zwanzigsten Jahr, — ach, Georgie, du Gelehrter!“ lachte ein kleines, gurrendes Lachen und streichelte spielend seine Rechte. Jawohl, fuhr er mit ernsthaftem Eifer fort, er habe eben auf diese Weise, wenn nicht die ganze Erde, so doch Europa als sein Vaterland betrachten gelernt und die Menschheit als sein Volk, sei zudem nie einer Kirche hörig gewesen, sondern von frühester Jugend an durchdrungen und geleitet von der königlichen Kunst, mit dem Maßstab der Wahrheit, mit dem Winkelmaß des Rechtes und mit dem Zirkel der Pflicht in der erdumfassenden Vereinigung aller Guten zum Guten zu wirken, deren Ziele nie andere gewesen wären, als die, die nun auf den Fahnen der glücklichen Neufranken stünden …
„Mit dem Maßstab der Wahrheit, mit dem Winkelmaß des Rechtes, mit dem Zirkel der Pflicht …“ wiederholte er sich lächelnd die alten wohlgefälligen Symbole. Therese, die übrigens keineswegs zugehört hatte, obgleich sie mit dem Ausdruck des Lauschens dagesessen hatte, aber dem eines angestrengten Lauschens über seine Ausführungen hinweg, zuckte plötzlich auf, sagte: „Horch!“ und „Also doch!“ sank aber gleich wieder in Gleichgültigkeit zurück, denn das war Sömmerrings Stimme, die jetzt nach dem Geräusch der sich schließenden Haustüre unten im Flur hörbar ward, und Sömmerrings schwerer Schritt, der da die Treppe hinauf kam.