Erich vollendete den Satz nicht. Ein tiefer, rasselnder Athemzug hob seine Brust. Dann ging ein plötzliches Zucken durch seine Glieder. Seine Lippen bebten und bedeckten sich mit blutigem Schaum.

Er war verschieden. Eine Lungenblutung hatte sein junges Leben dahingerafft.

Gabriele wischte den Schaum von seinem Munde und bedeckte seine Stirn und Hände mit Küssen. Ein convulsivisches Schluchzen durchschütterte sie. Aber unter den brennenden Thränen, welche unaufhaltsam ihr Gesicht überströmten, flüsterte sie:

»Du bist erlöst, mein Kind! Erlöst von der Schmach Deines entehrten Namens, von dem furchtbaren Geschicke, der Sohn eines Vaters zu sein, den Du geliebt und den Du verachten müßtest. Erlöst – erlöst!«

Justus.

Seit meinem Austritte aus dem Institute hatte ich Justus nicht mehr gesehen. Und als ein guter Freund und ehemaliger Schulcollege mir schrieb, daß Justus seine Tante beerbt habe und sich in dem von ihr hinterlassenen Landhause ganz nahe von dem Städtchen, in welchem ich damals wohnte, niederlassen werde, mußte ich mich erst besinnen. Justus? – Wer ist doch Justus? Wo bin ich ihm je begegnet? Allmählich tauchte das Bild des einstigen Lehrers in meiner Erinnerung auf.

Da stand es wieder vor mir, das hagere Männchen mit dem großen Höcker auf der linken Schulter. Da stand es an der großen schwarzen Tafel und zeichnete mit Kreide Figuren und Zahlen, indem es mit unermüdlicher Geduld selbst die begriffsstützigsten seiner Schüler in die Geheimnisse der Geometrie und Algebra einzuführen bemüht war. Auf der winzigen, mißgestalteten Figur saß tief in den Schultern ein mächtiger, prachtvoll profilirter Kopf mit schwarzem Kraushaar und tiefen, seelenvollen Augen. Ja, Justus hatte der sanfte Lehrer geheißen, der uns, weil allzu gütig, nicht zu imponiren vermochte, und uns niemals die wohlverdiente Strafe, sondern höchstens eine freundliche milde Mahnung zutheil werden ließ.

Alles dies hatte uns an ihm lächerlich geschienen. Seine verwachsene Gestalt, die wir vierzehnjährigen Jungen um einen halben Kopf überragten, seine langsame, zögernde, beinahe stotternde Sprechweise, seine unerschütterliche Sanftmuth, ja selbst sein Name: Justus, Justus – der Gerechte, welch komischer Name! Wie konnte man Justus heißen!

Und doch hatte dieser Name für ihn gepaßt, wie selten einer sich für seinen Träger eignet. Denn Gerechtigkeit war die Grundlage seines Wesens, der vorherrschendste Zug seines Charakters. Und jede, auch die geringste Ungerechtigkeit, deren Zeuge er war, konnte ihn aufs tiefste empören. Noch weiß ich es, wie entrüstet er war, als er sah, wie mehrere kräftige Knaben über einen weit schwächeren Kameraden herfielen, von dem sie sich beleidigt glaubten. Nie vorher hatte ich ihn so gesehen. Sein Auge flammte, die Muskeln seines Gesichtes zuckten vor Erbitterung, seine Fäuste ballten sich und – was nur in den Augenblicken mächtigster Erregung geschah – er stotterte nicht, als er mit laut dröhnender Stimme über die ungeberdigen Jungen hindonnerte, in glühenden Zornesworten die Feigheit und Ungerechtigkeit, sich an dem Schwächeren zu vergreifen, ihnen entgegenschleudernd. Ja, selbst eine empfindliche Strafe dictirte er ihnen.

Und nun sollte ich den einstigen Lehrer nach zwölf Jahren wiedersehen.