Er hatte sich wenig verändert. Auch älter schien er nicht geworden in dieser doch stattlichen Reihe von Jahren. Man hatte es ihm nie angesehen, wie alt er eigentlich war. Uns, seinen Schülern, hatte er alt geschienen, doch hatte man uns gesagt, daß er ein junger Mann sei, noch nicht dreißigjährig. Und jetzt, als ich ihn in seiner neuen Behausung aufsuchte, sah er gerade so aus wie damals, als ich ihm bei meinem Austritte aus der Schule Lebewohl gesagt. Nur hatte sein dunkles, schwärmerisch blickendes Auge den Ausdruck milder Traurigkeit und Wehmuth angenommen. Die Ursache dieser Trauer zu errathen, ward mir bald Gelegenheit geboten.

Einige Jahre vorher hatte ein Freund seines Vaters in unglücklichen Speculationen sein ganzes, nicht unbeträchtliches Vermögen verloren und in der Verzweiflung über sein Mißgeschick sich das Leben genommen. Er hatte nichts hinterlassen als sein vierzehnjähriges Kind, die kleine Dora, blond und blauäugig und lieblich wie ein thaufrischer Frühlingsmorgen.

Justus' Vater nahm die Waise ins Haus und nach seinem Tode übernahm Justus selbst die Fürsorge für das junge Mädchen, für sie und für seinen Bruder Alvyn, der – um zwanzig Jahre jünger als er – zur Zeit, als der Vater starb, seine Universitätsstudien noch nicht vollendet hatte.

Als ich nun bei einem meiner Besuche in dem mit wildem Wein und Schlingrosen überwachsenen, anmuthigen Landhause mit Dora zusammentraf, welche jetzt das Institut verließ, in dem sie ihre letzte Ausbildung erhalten hatte, um – vorläufig, wie Justus sagte – in das Haus ihres Pflegevaters zu ziehen, da ward es mir klar, warum Justus' Augen so traurig blickten. Er liebte Dora – aber er war zu verständig, um auf Gegenliebe zu hoffen, und zu gerecht, um es nicht natürlich zu finden, daß das schöne, blühende Mädchen für den verwachsenen, alternden Freund keine anderen Gefühle in seinem Herzen nährte, als Freundschaft und Dankbarkeit. Und als ich Justus' bildhübschen Bruder kennen lernte, da konnte ich keinen Zweifel hegen, daß dieser Dora's Herz in Sturm erobern würde. Hoch und schlank gewachsen, den schönen Kopf stolz auf dem edel geformten Nacken tragend, frei und kühn in seinen Bewegungen und voll ritterlicher Aufmerksamkeit gegen das kaum flügge gewordene Pensionsfräulein, sah er neben dem unscheinbaren, mißgestalteten Männchen aus wie ein junger Gott. Ich wurde ganz traurig gestimmt, als ich die drei guten Menschen beisammen sah, denn ich konnte es mir nicht verhehlen, welch tiefes Herzeleid dem armen Justus aus seiner wohl begreiflichen, aber doch so hoffnungslosen Neigung für das liebreizende junge Geschöpf erwachsen würde.

Dennoch aber verbrachte ich manche glückliche Stunde in Justus' gastlichem Heim. Tagsüber, wenn das Wetter günstig war, waren wir Alle im Garten oder machten Ausflüge in der nahen Umgebung, wobei es sich, wie zufällig, immer so traf, daß Alvyn mit Dora vorausmarschirte, während ich und Justus die Nachhut bildeten. Des Abends aber versammelten wir uns im traulichen Gartensalon, und nach dem Thee wurde Lectüre vorgenommen. Alvyn oder ich lasen vor, während die Anderen zuhörten.

Da gab es oft lebhaft erregte Discussionen. Denn Justus vertheidigte die classische Richtung, während Alvyn und ich die Modernen in Schutz nahmen. Dora kümmerte sich nicht viel um unsere literarisch-ästhetischen Dispute. Nur hin und wieder warf sie ein Wort dazwischen. Abseits von uns saß sie an einem kleinen Tischchen und zeichnete emsig. Ich wußte, was es war, das sie beschäftigte, denn mich hatte sie ins Vertrauen gezogen und beauftragt, Justus' Aufmerksamkeit bei diesen Leseabenden so in Anspruch zu nehmen, daß er sie und ihre Zeichnung nicht beachtete. Denn dieselbe sollte eine Ueberraschung für ihn werden.

Und sie gelang glänzend.

Am Vorabend von Justus' Geburtstag – es war sein vierundvierzigster, wie ich erfuhr – nachdem das festliche Abendessen zu Ende und mancherlei Toaste ausbracht waren, verschwand Dora plötzlich aus dem Zimmer, und als sie nach einer kleinen Weile mit freudig geheimnißvoller Miene wieder eintrat, ergriff sie Justus bei der Hand und zog ihn, während sie uns winkte, ihnen zu folgen, in den Gartensalon hinüber. Derselbe war hell erleuchtet, und mitten im Zimmer ruhte auf einer Staffelei das lebensgroße und sehr wohlgetroffene Brustbild unseres Justus. Sprachlos vor tiefster Ergriffenheit, blickte dieser auf sein Porträt.

»Nun, ist es gut? Bist Du zufrieden mit dem, was ich gelernt?« frug Dora schüchtern, als Justus noch immer keine Antwort über seine Lippen brachte.

Ein Blick auf sein Angesicht gab ihr Antwort.