Eine überirdische Freude leuchtete aus seinem Auge, eine Thräne rollte langsam über seine Wange, und er öffnete den Mund, als ob er sprechen wollte; aber das Wort versagte ihm.

Da stürzte Dora ihm an den Hals, küßte und herzte ihn und rief ein- um das andermal:

»Freut es Dich? Bist Du zufrieden? Justus, freut es Dich?«

Dieser aber verfärbte sich plötzlich. Und je mehr Küsse es von den holden Lippen auf seinen Mund und seine Wangen regnete, um so bleicher wurde er und ein leichtes Zittern ging durch seine Glieder. Ich verstand, was in seinem Inneren vorging, und ein Gefühl peinlichen Mitleides beschlich mich.

Warum war Dora auch so toll und thöricht, den Armen so abzuküssen, als ob sie ihn liebte. Bedachte sie denn gar nicht, daß auch in der Brust dieses unglücklichen, mißgestalteten Freundes ein warm fühlendes, der Liebe nicht verschlossenes Herz wohnen könne?

Einige Wochen später rüstete sich Alvyn zur Abreise. In einer unfernen größeren Stadt wollte er sich als Arzt niederlassen. Schon war der Tag seiner Abreise festgesetzt, als er von einem Jagdausfluge verwundet nach Hause gebracht wurde. Die Kugel eines der Schützen hatte – statt des Rehbockes, dem sie bestimmt gewesen – Alvyn's linke Schulter getroffen. Die Verletzung war keine gefährliche, dennoch aber wurde das ganze Haus in die größte Bestürzung versetzt. Justus bestand darauf, die Pflege des Bruders selbst zu übernehmen. Dora wollte ihn ablösen, damit er Zeit fände, sich auszuruhen. Aber er gestattete es nicht, indem er meinte, daß ein Krankenbett kein geeigneter Platz für sie sei, und so mußte sie sich damit begnügen, in sorgsamer Ueberwachung der Hauswirthschaft dem Bruderpaare ihre Dienste zu erweisen. Sie war keine gewandte Hausfrau – wo hätte sie bis dahin auch Gelegenheit gefunden, sich in dieser Richtung zu bethätigen? – Und da war es zugleich heiter und rührend, zu sehen, wie sie sich abmühte, ihren ungewohnten Pflichten gerecht zu werden. Glücklicherweise war Agathe da, die alte, langerprobte Köchin. Sie versah ihren Dienst so fest und sicher, daß alles ganz gut von Statten ging; auch war sie viel zu gutmüthig, um dem jungen Mädchen seine grüne Unerfahrenheit allzu fühlbar werden zu lassen. Mit der ernstesten Miene von der Welt ließ sie sich täglich von Dora den Speisezettel vorschreiben und sich einschärfen, wie die Gerichte bereitet werden müßten, daß sie sich für den Kranken eigneten, und daß sie kräftig genug seien und leicht verdaulich, um Justus für seine anstrengende Krankenpflege genügend zu stärken.

Langsam und traurig zog die Zeit dahin. Eines Tages aber, als ich wieder in dem Häuschen vorsprach, um mich nach dem Befinden des Patienten zu erkundigen, wurde ich von Dora mit heiterer Miene empfangen. Und sonderbar! Erst jetzt, als sie wieder lächelte, bemerkte ich, wie schmal und blaß ihr liebliches Gesichtchen geworden war. Freudig theilte sie mir mit, daß der Arzt heute Alvyn gestattet hatte, für einige Stunden sein Bett zu verlassen. Wenn ich ein wenig warten wollte, könnte ich ihn sehen.

Wie erschrak ich, als eine Viertelstunde später Alvyn, auf den Arm seines Bruders gestützt, in das Zimmer trat! Nicht er war es, der mir Schrecken einflößte. Seine Wangen waren wohl etwas bleicher als vordem, aber man erkannte sogleich, daß der Doctor nicht zu viel versprochen, indem er seine baldige Genesung in Aussicht gestellt. Justus' Aussehen dagegen erweckte meine Sorge. Seine Gesichtsfarbe war wachsgelb geworden, die Backenknochen traten scharf hervor, und die schönen, strahlenden Augen lagen tief eingesunken in ihren bläulich umränderten Höhlen und hatten allen Glanz verloren. Sollten die Anstrengungen der Pflege, die Nachtwachen und die Angst um den Bruder ihn so arg mitgenommen haben? Ich konnte es nicht recht glauben. Das aber wußte ich, daß er selbst einer Erholung bedürftiger war, als der an seiner Seite blühend aussehende Reconvalescent. Auch hielt ich es für meine Pflicht, aus meiner Meinung kein Hehl zu machen, und nachdem wir ein Weilchen über allerlei alltägliche Dinge geplaudert, erklärte ich Justus, ohne Umschweife, daß es an der Zeit sei, sich Ruhe zu gönnen, zu seiner Erholung etwa eine kleine Vergnügungsreise anzutreten. Alvyn und Dora, die mittlerweile auch eingetreten war, stimmten mir lebhaft bei. Justus aber betheuerte, daß er sich ganz wohl fühle, und wollte von einer Reise nichts wissen. Die kleine Ermüdung, die er ja nicht leugnen wolle, werde nun, da er jetzt nichts mehr zu thun und zu sorgen habe, bald von selber weichen. Ich glaubte ihm nicht, da aber alles weitere Drängen sich als nutzlos erwies, beschloß ich, mich hinter den Hausarzt zu stecken und diesen zu einem Machtwort in Betreff Justus' zu veranlassen. Als ich mich aber zu diesem Zwecke zwei Tage später bei meinen Freunden einstellte, empfing mich Justus und bat mich, ihn in sein Arbeitszimmer zu begleiten, dessen Thür er zu meiner nicht geringen Verwunderung hinter uns absperrte.

»Ich will nicht, daß wir gestört werden,« sagte er, indem er vor seinem Secretär Platz nahm und einen großen, von seiner Hand geschriebenen Bogen Papier entfaltete.

»Sie sind Jurist und ich möchte mir Ihren Rath erbitten,« fuhr er fort. »Als ich da vergangene Nacht wieder nicht schlafen konnte – am Krankenbette Alvyn's habe ich mir das Schlafen fast ganz abgewöhnt – da fiel mir ein, daß es angezeigt sei, ein wenig Ordnung zu machen und mein Testament niederzuschreiben. Man kann ja nie wissen, was geschieht. Und da möchte ich Sie nun ersuchen, dasselbe durchzusehen, ob es in seiner Form richtig abgefaßt ist.«