Ich nahm das Testament und las. Alvyn und Dora waren darin zu gleichen Theilen als Erben von Justus' nicht unbedeutendem Vermögen eingesetzt. Als ich ihm das Schriftstück mit der Beruhigung zurückgab, daß dasselbe ganz rechtsgiltig verfaßt sei, konnte ich nicht umhin, die Bemerkung beizufügen, daß es wohl viel vernünftiger wäre, irgend etwas zur Kräftigung seiner Gesundheit zu unternehmen, als sich mit Todesgedanken zu tragen.
Justus lächelte.
»Nun, nun,« sagte er, »deshalb, weil ich mein Testament gemacht habe, glaube ich ja nicht, schon morgen oder übermorgen sterben zu sollen. Ich will ja nur alles in Ordnung gebracht haben – für alle Fälle. Was Sie aber da von meiner Gesundheit sagen – ich bin ja nicht krank, wirklich nicht. Wenn es aber dennoch bald mit mir zu Ende ginge, was läge weiter daran? Ich habe doch eigentlich genug gelebt, da ich niemandem mehr zu etwas nützlich bin. Im Gegentheile. Ich stehe dem Glücke der Anderen nur im Wege. Haben Sie es denn nicht bemerkt? Dora und Alvyn lieben sich ja. Dora wird sich aber nicht leicht dazu entschließen, mich zu verlassen und Alvyn's Frau zu werden, so lange ich lebe. Das gute Geschöpf würde es schwer übers Herz bringen, mich einer traurigen Einsamkeit anheimzugeben. Die Dankbarkeit, die sie glaubt, mir schuldig zu sein, würde ihr dies nicht erlauben.«
Ich unterdrückte einen Seufzer.
»Glauben Sie wirklich?« stotterte ich nicht ohne Verlegenheit.
»Glauben! Was glauben!« wiederholte Justus. »Ich weiß es! Und wenn ich es auch nicht schon früher bemerkt hätte, so müßte ich es doch jetzt wissen. Hab' ich es doch gesehen, wie sie sich in Angst und Sorge verzehrte, als Alvyn krank darniederlag. Nachts, wenn ich aus seinem Zimmer trat, fand ich sie oftmals in Thränen, statt daß sie schlief. Ich gab ihr wohl keine Veranlassung dazu.«
»Und wenn nicht Alvyn, sondern die Sorge um Dich, um Deine Gesundheit und Dein Leben die Ursache ihrer Thränen gewesen wäre?« – schoß es mir plötzlich durch den Kopf. Doch gleich darauf kam mir dieser Gedanke so komisch vor, daß ich mich wohl hütete, ihn laut werden zu lassen.
»Ja, wenn es aber auch wirklich der Fall sein sollte, daß Dora Alvyn liebt,« sagte ich, »sind Sie dessen auch gewiß, daß ihre Liebe erwidert ist?«
Jetzt fuhr Justus auf.
»Wie? Nicht erwidert? Dora's Neigung sollte nicht erwidert sein? Aber Alvyn müßte ja blind und blöde, ja geradezu blöde sein, wenn er dieses liebe Geschöpf nicht liebte. Ich bitte Sie, wie können Sie so etwas denken!«